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19. Feb 2007

Ein Volk in Geiselhaft

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Täglich werden rund sechzig Iraker entführt. Die Kidnapper wollen die Zivilgesellschaft des Irak treffen. Besonders lukrative Opfer sind ausländische Familienangehörige – wie die zwei verschleppten Deutschen (Für die ZEIT)
Sind zwei Deutsche, die seit Jahren im Irak leben, entführt worden? Weder der Krisenstab des Auswärtigen Amtes noch die Verwandten wollen etwas dazu sagen. Kein Wort kommt ihnen über die Lippen. Entführung? »Wir können es nicht ausschließen«, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier wortkarg und bat die Medien um Zurückhaltung. Da sprudelten schon, zum Ärger des Auswärtigen Amtes, die »Sicherheitskreise«. Die 60-jährige deutsche Ehefrau eines irakischen Arztes und ihr 20-jähriger Sohn sollen aus ihrer Wohnung in Bagdad verschleppt worden sein. Die Entführer hätten sich bei den Verwandten der Geiseln in Berlin gemeldet und die Ermordung des Sohnes angedroht. Politische Forderungen – wie sie etwa noch bei den Geiselnahmen der italienischen Journalistin Giuliana Sgrena, der Archäologin Susanne Osthoff oder den Leipziger Technikern René Bräunlich und Thomas Nitzschke gestellt worden waren – seien diesmal aber nicht formuliert worden.
Die deutsche Öffentlichkeit bekommt jetzt Einblicke in den ganz alltäglichen Entführungshorror,


den Iraker, aber auch ihre im Westen lebenden Angehörigen seit mehr als drei Jahren erleiden – und über den sie zumeist schweigen müssen. Öffentliche Mahnwachen und Aufrufe sind lebensgefährlich. Omar al-Rawi, ein in Wien lebender Exiliraker, hat eine Entführung in seinem Bekanntenkreis miterlebt. Verschwiegenheit war oberstes Gebot. Al-Rawi: »Die Leute haben Angst, dass das Lösegeld in unbezahlbare Höhen steigt, wenn ein europäischer Staat unter dem Druck der Medien öffentlich den diplomatischen Schutz übernimmt. Die Entführten kommen sofort in eine andere Preisklasse. Es wird immer schwieriger, sie auszulösen.«
Besonders dramatisch wird es für jene Opfer, die Kontakte in den Westen pflegen oder dort leben – und die somit samt ihren Familien als potenzielle Luxusgeiseln gelten. Sie müssen oft exorbitante Lösegelder bezahlen – aber der westliche Staat, in dem sie leben oder mit dem sie in Verbindung stehen, ist nicht bereit, das Geld zu ersetzen, weil die Opfer eben nur die irakische Staatsbürgerschaft besitzen. So beklagte etwa Peter Bienert, Arbeitgeber der Leipziger Irak-Geiseln, dass jener irakische Mittelsmann, der dem deutschen Auswärtigen Amt bei den Entführungen von Osthoff, Bräunlich und Nitzschke geholfen hatte, vergangenes Jahr selbst entführt worden sei – wohl auch aufgrund seiner Kontakte zur deutschen Botschaft. 150000 Dollar Lösegeld, so Bienert, musste die Familie für seine Freilassung zahlen. Das ist etwa die 15-fache Summe dessen, was für »normale« Iraker zu bezahlen ist. Die Bundesregierung ließ den Entführten, der ihr einst so half, im Stich. Es gebe für sein Lösegeld keinen »Haushaltstitel«, so die Auskunft aus dem Berliner Auswärtigen Amt.
Also sind die meisten Iraker auch im Westen auf sich allein gestellt, wenn Mitglieder ihrer Familien entführt werden. Vor allem in den USA berichten Medien immer wieder über irakische Flüchtlinge, die ihr gesamtes Hab und Gut verkaufen müssen, um Verwandte in der kriegsgeschundenen Heimat aus der Gewalt von Entführern zu befreien. Hier verhandeln keine staatlichen Unterhändler, sondern der Preis wird von den Tätern mit den Angehörigen im Ausland am Telefon ausgehandelt. Das Geld wird dann von Mittelsmännern übergeben.
In der irakischen Entführungsindustrie mischt sich die reine Geldbeschaffungskriminalität mit politisch motivierter Gewalt. Im Irak steht vor allem das Personal von Spitälern, Schulen und Universitäten im Visier der Entführer. Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um die Vertreibung und Vernichtung der irakischen Intelligenz und um die Zerstörung des Gesundheits- und Bildungswesens. Ende des vergangenen Jahres meldete das irakische Erziehungsministerium, dass 150 entführte Professoren und 315 Lehrer ermordet worden seien. Ende des vergangenen Jahres wurden an einem einzigen Tag etwa 140 Mitglieder einer staatlichen Forschungseinrichtung in Bagdad entführt.
Doch das sind nur Näherungen an eine Opferzahl, die keiner kennt, weil es kaum noch Journalisten in Bagdad gibt. 200 unbekannte Leichen werden pro Woche im Bagdader Leichenhaus abgeliefert. Vor allem Chirurgen, Naturwissenschaftler, Intellektuelle oder Geschäftsleute müssen jederzeit mit Verschleppung rechnen. Iraks Bildungsministerium beklagt, die Zahl der Schüler und Studenten habe rapid abgenommen, an manchen Universitäten habe sich die Mehrzahl der Professoren ins Ausland abgesetzt.
Die US-Regierung geht in einer Studie davon aus, dass pro Tag 60 Menschen entführt werden. Die Geiselnehmer würden etwa 30 Millionen Euro Lösegeld pro Jahr verdienen. Manche Geiseln, so berichtet das irakische Verteidigungsministerium, würden sogar für »Selbstmordattentate« eingesetzt. Die Kidnapper setzen die Entführten in ein Auto, in dem ein versteckter Sprengsatz angebracht ist, und schreiben ihnen eine bestimmte Route vor. Mittels Fernzünder wird die Bombe gezündet.

Kategorien: Texte für DIE ZEIT
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