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13. Dez 2006

Straft die Freier!

Zum Frauenhandelsprozess in Korneuburg: Männer müssen endlich Fragen stellen, ehe sie Sex kaufen. Der Staat sollte sie dazu zwingen. (Gastkommentar für Falter)
Ins Puff zu gehen, das wird längst als menschliche Schwäche akzeptiert. Am Wiener Flughafen werben Bordelle mit riesigen Plakaten. Und mit schicken Websites lockten jene Frauenhändler, die auf der Kärntnerstraße residierten und die nun in Korneuburg zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Dabei taten sie nur, was viele auch machen: per Mausklick konnte man bei ihnen litauische Dorfjugend bestellen, verkleidet als „Beautyqueens“ und gegen Aufpreis auch ohne Kondom oder für eine Versteigerung in den Arabischen Emiraten.
Man hat sich an all das gewöhnt. Nur manchmal nennen wir den Alltag Skandal. Dann bekommen wir Einblicke, dass Prostitution auch in Wien erstaunlich oft nicht freiwillig erfolgt. Und dass selbst Minderjährige, wie es das Gericht vornehm ausdrückte, „ihrer sexuellen Disposition beraubt werden“, ehe sie Leuten wie Ed Fagan aufs Zimmer ins Hotel geliefert werden. Dann müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass solche Mädchen nicht deshalb alles über sich ergehen lassen, weil sie „naturgeil“ sind, sondern weil sie zuvor durch rohe Gewalt, durch Würgen, Schlagen und Vergewaltigen gefügig gemacht werden oder weil sie Geld für die Herzoperation der Mutter im litauischen Klapeida brauchen.
Die renommierte London School of Hygiene & Tropical Medicine stellte kürzlich eine umfassende europäische Studie vor, in deren Rahmen Polizisten, Richter, Sozialarbeiter und Prostituierte in ganz Europa interviewt wurden. Alle befragten Frauen, so heißt es da, „gaben an, letztlich zu sexuellen Praktiken gezwungen worden zu sein«. Die meisten hatten zwischen zehn und 25 Männer täglich zu bedienen, manche bis zu 50. Sie berichteten von Gruppenvergewaltigungen“, sie gaben an, mit Messern oder Zigaretten verwundet und vor allem immer wieder für lange Zeit alleine eingesperrt worden zu sein. Sie klagten über Knochenbrüche, Bewusstlosigkeit, Geschlechtskrankheiten, über bleibende Schäden nach Abtreibungen.
Man kann da mit der deutschen Schriftstellerin Karen Duve fragen: „Wie können so viele Männer in und auf Frauen ejakulieren, ohne deren Not zur Kenntnis zu nehmen? Wie können sie Erregung empfinden, wo sich Mitleid aufdrängen würde?“ Die Antwort: Männer, die Sex kaufen, müssen keine Fragen stellen. Und genau das muss sich ändern. Nicht aus moralischen, sondern aus menschenrechtlichen Gründen. Es ist nämlich nicht einzusehen, dass Wiens Sklavenhändler bestraft werden – nicht aber ihre Kunden.
Strafen für Männer, werden nun die Gegner der Freierbestrafung einwenden, werde den „Sexarbeiterinnen“ schaden, sie in den Untergrund drängen. Sie seien doch „illegalisiert“ und würden noch mehr in die Schutzlosigkeit gedrängt. Doch da sind sie doch längst. Und so pauschal stimmen die Einwände der „Illegalisierung“ auch nicht mehr. Die Litauerinnen, die etwa der verurteile Franz H. zum Sex zwang, sie waren völlig legal in Wien. Es sind EU-Bürgerinnen.
Was also könnte geschehen, um Prostitution in einer Großstadt und in einem vereinten, von Wohlstandsgefälle und Reisefreiheit geprägten Europa erträglich zu gestalten?
Erstens: Ausbau des Zeugenschutzes für Zwangsprostituierte, mehr psychologische Betreuung der meist traumatisierten Frauen, die auch in den Prozessen gebraucht werden, um die Täter zu überführen. Mehr Schutzwohnungen, lange Aufenthaltsrechte. Kluge freiwillige Rückführungsprogramme, die Frauen auch in ihren Heimatländern Schutz und Berufschancen bieten.
Zweitens: ein Umdenken bei den Freiern durch öffentliche Kampagnen und ein Umdenken bei der Polizei, die sich nicht als „Sitte“, sondern besonders im Rotlicht als moderne Opferschutzeinrichtung verstehen muss. Unverständlich, dass Frauen bei Razzien noch immer in Gegenwart von Reportern „festgenommen“ werden, als ob sie Straftäterinnen wären. Die Polizei muss – so wie dies etwa zur Zeit in der Rotlichtstadt Hamburg in einem Modellprojekt passiert – offensiv ins „Millieu“ gehen, vor allem Polizistinnen müssen den Mädchen Visitenkarten zustecken, um sie als potentielle Informanten zu gewinnen. Das nimmt Frauen die Angst, bei Gewalt Anzeige zu erstatten. Und es ist ein Signal gegenüber den Puffbetreibern.
Drittens: Staatliche Lizenzen und Prüfnummern für alle Bordelle, die sich dafür strengen Auflagen zu unterwerfen haben. Alle anderen Bordelle müssen geschlossen werden. Inserate für Callgirls dürfen, wenn überhaupt, nur noch in Magazinen für Erwachsene und da nur unter Angabe der Prüfnummern geschalten werden. Werbung für illegale Bordelle sollte (so wie Zigarettenwerbung) verboten werden. Freier, die illegale Bordelle besuchen, machen sich strafbar. Das schreckt ab und es würde auch dazu führen, dass legale Bordellbetreiber ihre illegalen Konkurrenten anzeigen.
Viertens: Bekämpfung des Straßenstriches, indem man die Freier, die sich dort tummeln (und Anrainerinnen belästigen) ständig polizeilich nervt und die Prostituierten verstärkt sozialarbeiterisch betreut. Sie sind ja zumeist schwer (drogen)krank oder brutal eingeschüchtert (das gilt vor allem für Afrikannerinnen). Sie verdienen massive Fürsorge des Staates.
Fünftens: die Justiz muss es den wenigen Prostituierten, die freiwillig arbeiten wollen, endlich ermöglichen, ihren „Schandlohn“ vor Gericht einklagen zu können. Bis heute gelten ja vor dem Obersten Gerichtshof Verträge mit Huren als „sittenwidrig“. Das nützt nur den Zuhältern, die anstelle staatlicher Exekutoren tätig werden.
Vielleicht besteht dann eine kleine Chance, den alltäglichen Wiener Sklavenmarkt ein wenig zu bekämpfen.
PS: Elfriede Jelinek hat die von mir im Falter publizierten Frauenhandelsprotokolle in ihrem Stück “Über Tiere” verarbeitet. Es wird im April im Akademietheater aufgeführt. Regie führt Rudi Häusermann. Näheres hier

Kategorien: Texte für den FALTER
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  1. 12. Dezember 2006, 10:46 | #1

    Also im Grunde das, was auch die Grünen in Deutschland momentan fordern. Leider ist das in der Boulevardpresse zu “Grüne fordern Gütesiegel für Bordelle” verknappt worden, als ob das eine “Stiftung Nuttentest” wäre. Der Ansatz scheint mir der Vernünftigste.

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