Monolog des modernen Spießers

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(Foto: Reinhard Pickl-Herk/ Madeira)


(aufgezeichnet für die Spießer-Serie auf ZEIT.de)

Abends, bevor ich das Notebook ausschalte, leere ich den elektronischen Mülleimer. Wenn ich morgens aufwache, plagt mich schlechtes Gewissen, weil ich zu lange schlafe. Draußen wirbeln da meist schon die Schulkinder herum! Ich öffne nur die Türe und nehme die Zeitung von der Matte. Manchmal liegt die FAZ aber auf dem nassen Bürgersteig. Dann erwäge ich, die Abonnementbeschwerdestelle anzurufen. Ich zahle schließlich für mein Abo und habe daher auch Rechte. Ich lese die Zeitung stets nach demselben Muster. Dann lege ich sie – nach Datum aufsteigend geordnet – zu den bereits ausgelesenen Exemplaren. Wer meine Zeitung durcheinander bringt oder gar auseinander nimmt, hat ein Problem. Wenn mir ein Artikel zu unsachlich ist, schreibe ich mal einen Leserbrief unter fremdem Namen und weise darauf hin.

Ich frühstücke morgens ein weiches Ei, das exakt fünf Minuten kocht. Ich durchschlage es mit einem Messer und lächle dabei. Dazu höre ich Deutschlandfunk. Manchmal sage ich „Carpe Diem“ zu mir. Muss ich früh aufstehen, schlüpfe ich morgens in Kleidung, die ich abends schon zurechtgelegt habe. Meine Hemden bügle ich selbst. Wenn ich sie gefaltet habe, bügle ich noch einmal sorgsam über die Brustseite, damit eine schöne Falte entsteht. Gehe ich auf Reisen, so nehme ich meinen schicken Designrollenkoffer von „Mandarina Duck“, mit dem Extrafach für Anzüge. Der Koffer verfügt über einen integrierten Kleiderhaken und einen Hosenrollbügel aus Schaumstoff. So sieht mein Anzug auch nach einer langen Reise noch prima aus.

Wenn ich mit der S-Bahn zur Arbeit fahre,

suche ich stets einen Platz fernab der anderen. Ich ertrage Walkman-Nebengeräusche nicht. Neulich wies ich die Störer auch auf den unzumutbaren Lärm hin, den ich „akustische Umweltverschmutzung“ nenne. Dann steckte ich den Kopf wieder in die Zeitung, um meinen Siebeck zu lesen. Er schreibt so herzerfrischend gegen die Nahrungsmittelmafia!

Zu Hause halte ich Ordnung. Unordnung macht mich nervös. Wenn Teppichkanten umgeschlagen sind, kann ich daneben nicht lesen. Eine Putzfrau ist allerdings Geldverschwendung. Ich wische gerne selbst mal Böden. Aber nicht „nebelfeucht“, wie es mir meine Vermieterin aufgetragen hatte. Ich erwäge die Anschaffung eines Handstaubsaugers. Vielleicht den silbernen von Alessi? Vielleicht aber auch den günstigen von Tchibo. Tchibo ist überhaupt nicht so schlecht, wie alle sagen. Der Filofax dort kostet sieben Euro! Und er ist echt Leder. Und jetzt haben die auch Sushi-Teller und Yoga-Hosen! Und einen Design-Staubsauger, der ohne Müllsack auskommt. So wie die Prämie fürs ZEIT-Abo.

Ich bin kein verschwenderischer Mensch, aber auch kein geiziger. Wenn ich einen Obdachlosen sehe, einen der wirklich arm aussieht, gebe ich auch mal einen Schein und freue mich, Gutes getan zu haben. Jeden Monat lege ich mir ein wenig Geld zur Seite. Mein Sparbuch gibt Sicherheit, aber auch Überlegenheit und vor allem: Unabhängigkeit! Manchmal rechne ich mit dem Euro-Rechner mein Guthaben in die alte Währung um. Am Jahresende vergleiche ich den Ertrag meiner Wertpapiere mit jenen des Sparbuchs. Wissen Sie, dass das Sparbuch gar keinen schlechten Ertrag abwirft?

Nein, ich bin kein ängstlicher Mensch. Ich besitze kein Sicherheitsschloss, und elektronisch steuerbare Metallrollläden sind mir ein Graus. Doch oft denke ich an all die Dinge, die mir gestohlen werden könnten. Angst habe ich vor allem um meine Bücher, die ich im Wohnzimmer aufgestellt habe. Nein, ich habe sie nicht alle gelesen. Und wenn einer solches fragt, antworte ich: „Ich habe auch nicht mit jeder Frau geschlafen, die ich begehre!“ Das gibt dann ein Gelächter. Wenn ich meine Wohnung verlasse, lasse ich stets das Licht brennen. Dafür habe ich eine Energiesparlampe angeschafft. Weil wir schon beim Thema Sicherheit sind. Ich finde übrigens den Einbürgerungsbogen für Muslime gar nicht so schlecht. Wir leben, las ich neulich, in einer „Vorbereitungsgesellschaft“. Und was ist so schlecht daran, wenn endlich wieder mal Deutsch auf dem Schulhof gesprochen wird? Fordern und fördern, das ist die Devise!

Am Wochenende trinke ich gern mal 'nen Latte Macchiato aus richtigen Latte Macchiato-Gläsern wie in Italia, meinem ab-so-lu-ten Lieblingsland. Leider ist die Milch immer zu heiß hier. Dann sehe ich den Menschen in Hamburg-Ottensen, meinem Bezirk, zu. Die Mütter tragen schicke Mützen aus Filz. Die Kinder haben Holzlaufräder, die allerdings 120 Euro kosten - und die Väter kommen gern mal ins Väterzentrum ums Eck, das jetzt „Vaeter.de“ heißt.

Ich fahre auch mal in die Natur mit meinem kleinen Peugeot Cabrio. Ich wasche den Wagen nicht oft, aber dann gründlich. Und danach lenke ich ihn mit etwas mehr Genuss. Manchmal benutze ich auch den Autostaubsauger oder eine Autowaschanlage, obwohl das meist nur Menschen mit Trainingsanzügen aus Ballonseide machen. Ich beobachte diese Menschen gerne und betreibe mit ihnen so genannte „soziologische Studien“. Sie rufen ihre Kinder Jennifer, Kevin oder Jacqueline. Meine Kinder werden einmal Oleg oder Henry heißen.

Kommentare

phantastische Spiesser-Geschichte! witzig! suess! formidable!

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