Hirsche und Wölfe

In Jugendgefängnissen herrscht eine brutale Hierarchie. Vor allem die kleinen Kriminellen müssen um ihre Sicherheit bangen – und manchmal verlieren sie ihr Leben. Eine Reportage aus der Justizvollzugsanstalt Herford. (für DIE ZEIT)

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(Fotos: Florian Klenk)


Wenn das Leben in Freiheit im Chaos versinkt, dann muss wenigstens hier in der Zelle Ordnung herrschen. Und so schimpft Michael K. mit seiner Sozialarbeiterin, weil die gerade die Fußmatte an seiner Zellentür ein Stückchen verrückt hat. Das hier, so signalisiert der blasse, dickliche Häftling, ist sein Raum. Der einzige Ort, den er noch unter seiner Kontrolle hat. An der Wand hängen die Fotos von Tochter und Freundin. Beide wird er wohl nie wiedersehen, denn das Gericht hat eine »Kontaktsperre« zum Kind verfügt. Und die Freundin wird ihn auch nicht mehr treffen. Er hat sie mehrmals vergewaltigt. Da war er siebzehn.
Hier, in der »Behandlungsabteilung« des Jugendknastes im nordrhein-westfälischen Herford, sollen gefährliche Häftlinge wie Michael K. nun ihre »Gewaltfantasien auseinander nehmen«, wie das die Sozialarbeiterin nennt. Zuvor, sagt die Beamtin, müssten sie jedoch erst lernen, sich sprachlich auszudrücken. Viele seien »de facto« Analphabeten, und wo normalerweise Werte und Normen verankert seien, »befindet sich nur ein Loch«. Als Sexualstraftäter steht Michael K. auch in der Gefängnishierarchie ganz unten. Und er selbst sagt, »dass mir auch mal etwas passieren könnte«. Er kennt ja den Fall von Hermann H. Vorvergangene Woche wurde der 20-jährige Häftling in der Justizvollzugsanstalt Siegburg von Mitgefangenen nach einem zwölfstündigen Martyrium ermordet.
Anders als Hermann H. lebt Michael K. hier im »Wohngruppenvollzug«. Nachts schläft er in der Einzelzelle, für die er einen eigenen Schlüssel besitzt. Gewalt zwischen Mithäftlingen ist hier kein Problem. Wenn ihn der Hunger plagt, kocht er in der Küche, und er darf dabei sogar das große Messer verwenden.
Eigentlich sollten alle Strafhäftlinge so untergebracht sein. Doch das will

sich Deutschland nicht leisten. Deshalb leben hier nur die brutalsten Gewalttäter – Mörder, Kinderschänder, Vergewaltiger – innerhalb des Gefängnisses in größtmöglicher Freiheit. Nicht weil sie verwöhnt werden, sondern weil gerade sie therapiert werden müssen – und das geht nur in ruhiger Umgebung. »Wir schaffen innerhalb des Gefängnisses den Knast ab«, sagt Anstaltsleiter Friedrich Waldmann, ein geduldiger Mann, der früher als Rechtsanwalt arbeitete. Es braucht dafür viel Personal, das in den anderen Trakten fehlt, es schafft aber auch Sicherheit, weil therapierte Straftäter seltener rückfällig werden.
Nein, es sind keine Sozialromantiker, die in dieser Vorzeigeabteilung experimentieren, und hier findet auch kein »Kuschelvollzug« statt, wie konservative Politiker kritisieren. Sondern Praktiker zeigen der Politik, was sie nicht verstehen will: He-ran-wach-sen-de Menschen werden nicht »resozialisiert«, wenn man sie 23 Stunden am Tag wegsperrt. Ganz im Gegenteil, sie verrohen. Unkontrolliert.
So wie die Mithäftlinge von Hermann H. in Siegburg. Sie zwangen ihn – der wegen Diebstählen und eines aufgebrochenen Kaugummiautomaten in Haft kam – in der Gemeinschaftszelle, Urin, Salzwasser und Erbrochenes zu trinken. Dann vergewaltigten sie ihn und hängten ihn auf, »weil wir einen Menschen sterben sehen wollten«. Einen »Einzelfall« nannte Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) diesen Mord in staatlicher Obhut. Journalisten haben nun Besuchsverbot in Siegburg.
Ob so ein Fall wohl auch hier in Herford geschehen könnte? Nein, nicht in der Vorzeigeabteilung. Aber im Zellentrakt, wo die Mehrzahl der Inhaftierten lebt und wo es viel weniger Personal gibt, da sieht die Welt etwas anders aus. Am Nachmittag und am Wochenende sind die Zellen zu, dann herrscht »tödliche Langeweile«, so drückt es ein Beamter aus. Was das bedeutet?
Wer Einblicke in Herford sucht, kann mit dem Anstaltsseelsorger Paul-Gerhard Kentner sprechen, einem engagierten Mann mit breitem Hut. Oft vertrauen sich Häftlinge nur ihm an, weil er dem Beichtgeheimnis verpflichtet ist. Wer sich offiziell an Beamte wendet, gilt ja als »Zinker«, als Verräter. Und die mussten hier in Herford zur Demütigung morgens schon mal wie Hähne aus dem Fenster krähen, damit sie für alle zu erkennen sind.
Pastor Kentner erzählt, dass Gefangene immer wieder während des Duschens misshandelt würden und dass einige für viele Jahre traumatisiert seien. Auch in Disziplinarakten und kleinen Meldungen der Herforder Lokalpresse kann man nachlesen, wie der Alltag aussieht, wenn das Recht des Stärkeren gilt. Da wird ein Gefangener mit einer Schere fast erstochen, weil er Tabak zu spät zurückgibt. Ein Häftling wird mit einem Kopfstoß blutig geschlagen, weil er über die lauten nächtlichen Gebete seines Zellengenossen klagt. Ein anderer wird von seinem Bettnachbarn im religiösen Wahn beinahe erwürgt. Schwache müssen ihr Einkaufsgeld bei den Starken abliefern. Vom Stundenlohn – für das Nähen von Hundeleinen gibt es in Herford zum Beispiel 1,20 Euro – bleibt dann nicht viel übrig. Manchmal, so erzählt Anstaltsleiter Waldmann, werden Jugendliche erpresst, damit sie ihre Mütter zum Schmuggeln von Drogen bewegen.
Ist das exemplarisch? Ja, sagt der Kriminologe Christian Pfeiffer, einst Bewährungshelfer, später Justizminister in Niedersachsen, es gebe in den Zellen manchmal »grauenhafte Folterrituale«. Die Sozialwissenschaftlerin Mechthild Bereswill hat im Rahmen einer der größten Haftstudien 40 Jugendliche über mehrere Jahre hinweg begleitet. Es gebe, so ihr Befund, hinter Gittern eine Welt, in der sich Jugendliche als »Wölfe« und »Hirsche« sähen, die die schwachen Häftlinge, die »Fotzen« und »Muschis«, unterdrückten. Die Hackordnung werde ständig »neu ausgehandelt«, die Bedrohung sei allgegenwärtig, doch die Opfer würden die Gewalt oft verschweigen – vor allem jene Häftlinge, die vergewaltigt worden seien. »Die Gefangenen«, sagt auch Herfords Anstaltsleiter Waldmann, »sind stiller geworden.« Mit immer professionelleren Methoden würden sogar ihre Familien eingeschüchtert. »So erkennen wir kaum noch, wenn Gefahr droht.«
Isolation und Druck werden durch die Besuchsregeln verschärft: Weil es nicht genügend Wachpersonal gibt, dürfen die Insassen nur alle drei Wochen eine Stunde Besuch von der Familie empfangen. Und nur in Ausnahmefällen werden »Langzeitbesuche« gestattet, bei denen sie mit Kindern oder Freundinnen ein paar Stunden allein sein dürfen.
So steigert sich auch der sexuelle Druck. Und das kann lebensgefährlich sein. Durch sexuelle Kontakte wird nicht nur Aids übertragen. Fast alle Insassen aus den GUS-Staaten sind mit Hepatitis C infiziert, sagt Waldmann, bei den übrigen Gefangenen sind es inzwischen zwei Drittel. Eine »enorme Durchseuchungsrate« nennt das der Anstaltsleiter.
In Herford gibt es keinen fest angestellten Psychiater. Deswegen leiden Häftlinge bei Psychosen auch schon mal im »besonders gesicherten Haftraum«, einer kahlen Zelle, in der sich ein Abtritt aus Nirosta und am Boden eine dünne schmutzige Matratze befinden. Erst vorvergangene Woche wurde ein Jugendlicher hierher verbracht, »weil er überall Schlangen sah«. Zweieinhalb Tage, sagt Anstaltsleiter Waldmann, habe man ihn hier halten müssen. Dann wurde für den Gefangenen endlich ein Spitalbett frei.
In deutschen Jugendgefängnissen sitzen zwar immer mehr gefährliche Gewalttäter, aber eben auch genauso viele vergleichsweise harmlose Diebe oder Autoknacker. »Viele Insassen«, sagt der Herforder Sozialarbeiter Burkhard Kleine, »haben ja nichts Großartiges angestellt.« Sie verbüßen kleine, auf Bewährung ausgesetzte Strafen, die sich über die Jahre summieren und dann am Stück abgesessen werden. Ob zu streng gestraft wird? Kriminologe Pfeiffer sagt, es werde falsch gestraft. Es müsse mehr gemeinnützige Arbeit geben und mehr offenen Vollzug.
Die Überbelegung im Knast zerstört letzlich Errungenschaften, die auch in Herford zu besichtigen sind. 59 Millionen Euro wurden investiert, um aus dem Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert eine moderne Anstalt zu machen. Es wurden die Toiletten aus den Zellen in eigene »Nassräume« verlegt und die Fenster in den Zellen vergrößert, sodass die Gefangenen endlich hinaussehen können, ohne sich auf einen Stuhl stellen zu müssen. Und es gibt jetzt Werkstätten und Lehrmeister, die den Jugendlichen Tischlern, Schlossern und Schweißen beibringen. Aber auch sie klagen, dass sie überfordert sind, dass es zu wenig Personal und zu wenig Zeit für die Insassen gibt.
Das ist fatal, denn genau hier an den Werkbänken könnte so etwas wie Resozialisierung seinen Ausgang nehmen. Die Sozialwissenschaftlerin Bereswill hat abseits der Gewalterfahrungen auch herausgefunden, dass viele Insassen zwar im Knast den »sozialen Tod« erleiden, gleichzeitig aber auch begreifen, wie viel Potenzial in ihnen steckt. »Sie erleben hier das erste Mal im Leben so etwas wie Erfolg«, sagt Bereswill. Doch die beste Ausbildung habe für Jugendliche keinen Sinn, wenn sie nur in einer totalen Institution erfolge und abrupt mit der Entlassung ende. Es müsse »betreute Übergänge« ins richtige Leben geben. Die Werkmeister müssten den Häftlingen auch in Freiheit helfen. Und vor allem müssten Häftlinge in kleinen Wohngruppen untergebracht werden – damit nicht Sicherheitserwägungen und Personalmangel dominieren.
Friedrich Waldmann probiert es im kleinen Rahmen aus. Nicht nur in der Sonderabteilung, wo die brutalen Täter sitzen. Mit einer Gruppe von Häftlingen sitzt er gerade in der Anstaltskirche. Die Gefangenen haben Kerzen angezündet und Pizza gebacken. Manche sind wegen Totschlags verurteilt. Sie lachen, plaudern, und niemand käme auf die Idee, dass manche dieser Männer schon einmal völlig durchgedreht sind. Ob ein Mord wie in Siegburg auch hier in einer Zelle in Herford passieren kann? Waldmann sagt: »Ja.« Aber das sei eben kein Naturgesetz.

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