Gespräch mit einem Wiener Bankräuber
(aufgezeichnet in einem Wiener Café, nachdem er aus dem Gefängnis kam)
“Wie es zu dem Bankraub kam? Ich will es gerne erzählen. Ich bin kein Monster, sondern einer von euch. Ich bitte lediglich, meinen Namen anonym zu halten. Ich habe mir eine neue Existenz aufgebaut.
Ich hatte Schulden, wollte Selbstmord begehen. Die Pistole hielt ich schon im Mund, der war voll Wasser, damit der Kopf richtig explodiert. Ich habe die Pistole waschelnass rausgezogen. Ich entschied mich für sozialen Selbstmord, habe mir einen Leihwagen genommen, die Waffe entleert, Platzpatronen reingelegt. Ich wollte niemanden umbringen. Wäre die Polizei gekommen, hätte ich auf die Beamten gezielt und mich erschießen lassen.
Ich glaube, die Idee, eine Bank zu überfallen, schlummert in jedem. Die Durchführung ist ja relativ einfach. Raub ist eines der dümmsten Verbrechen. Sie brauchen keine Vorbereitung, Sie halten eine Waffe hin und kriegen Geld dafür. Es ist ein Verbrechen, bei dem man sein Gesicht nicht zeigt. Man geht maskiert rein, es gibt keinen Bezug zum Täter, und die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, ist gering. Doch man löst eine Großfahndung aus, wird im Fernsehen gezeigt, und auf einmal sucht dich ganz Wien. Es ist ein schmerzloses Verbrechen. Ein Trafikant würde um seinen Umsatz kämpfen. Die Kassiere sind geschult darauf, das Geld herzugeben. Ich habe versucht, es so schonend wie möglich zu machen. Ich war bei meinem Überfall höflich. Ich habe niemanden geschlagen. Ich habe eine laute Stimme und rief nur: „Niederlegen, niederlegen, kein Alarm, kein Alarm!“ Sie können sich den Film der Überwachungskamera anschauen. Sie können meinen Akt lesen. Ich habe mich entschuldigt bei den Opfern.
Wie man es macht? Man geht hundert Mal hin, man fährt hundert Mal vorbei. Ich bin in der Telefonzelle neben der Bank gestanden und habe beobachtet. Es sollten möglichst wenig Leute drinnen sein, um das Risiko gering zu halten. Wenn man hineingeht, steht man neben sich selbst. Man schaut sich selbst zu. Wenn man rausgeht, verschwimmen Realität und Fiktion. Ich hatte Tina Turners „You ’re simply the best“ im Ohr. Das war ein unheimlicher Kick. Zwei, drei Stunden nachher haben die Glücksgefühlshormone nachgelassen. Ich habe mich übergeben. Es war so ein Schwanken zwischen „Ich hab mein Leben ruiniert“ und „Ich habe es geschafft, ich kann alles bezahlen. Das machst du nie wieder.“ Ich habe den Fehler gemacht, es noch mal zu tun. Wenn man eine Hemmschwelle überschritten hat, dann probiert man es noch einmal. Es funktioniert ja. Es dauert vierzig Sekunden, und du hast das Geld.
In meiner Familie war ich das weiße Schaf. Ich war Bankkassier und wurde selbst überfallen. Der Täter ist damals davongekommen. Nachher war ich Marktschreier, habe Gemüsehobel verkauft, ein so genannter „Propagandist“. Es ist ein Beruf, bei dem du schreien musst. Er gibt dir das Gefühl, jemand zu sein. Du stehst am Pult, du beeinflusst die Menschen, du bringst die Menschen dazu, Dinge zu tun, die sie sonst nicht tun würden. Das löst in dir ein Machtgefühl aus. Das war eine erstaunliche Erfahrung, jeden mit brutalen, aber auch einfachen Methoden wohin lenken zu können.
Beruflich war ich zunächst erfolgreich. Ich hatte 200 Leute unter mir. Sie sahen mich als Gott. Ich verdiente manchmal 150.000 Schilling. Es war ein sozialer Aufstieg. Ich kam ins Fernsehen. Ich wurde angehimmelt. Ich war wichtig. Ich verspürte plötzlich einen Druck, glaubte, anderen Geschenke machen zu müssen. Goldene Feuerzeuge, goldene Kugelschreiber. Die Mama wollte einen Fernseher, der Bruder die Miete, die Frau neue Schuhe. Es waren kleine Beträge, doch sie summierten sich. Ich konnte es mir leisten. Als ich meinen Job verlor, weil ich zu teuer war, ist alles zusammengebrochen. Es war eine vernichtende Niederlage. Die Schulden hatten sich angehäuft. Ich versuchte mich selbstständig zu machen. Ich musste Geschäfte vorfinanzieren. Ich wollte Küchenmaschinen verkaufen. Ich musste die Kunden auf Busfahrten einladen und Provisionen bezahlen. Mir fehlte viel Geld. Alles wuchs mir über den Kopf.
Ein Bankräuber ist wie ein Skispringer, der sich abstößt. Da stehst du jetzt in der Anlaufspur, und es geht nicht mehr anders. Ich war erstaunt von meiner Reaktion. Ich habe einem Pensionisten, der mich beim Überfall angegriffen und gesagt hat: „Bub, mach keinen Blödsinn“, mit der Pistole auf den Kopf gezielt. Es sieht im Video brutaler aus. Oder? Es lief bei mir ein eigener Film. Das erzählten auch die anderen Bankräuber, die ich im Gefängnis kennen gelernt habe. Ich habe schon vor dem Überfall meinen Videorecorder programmiert, damit ich das Fahndungsvideo sehen kann. Ich wurde in „Aktenzeichen XY“ gezeigt. Man sah mein Gesicht, weil ich die Strumpfmaske in der Bank zu spät aufgesetzt hatte. Dann haben Verwandte bei der Polizei angerufen und gesagt, den kenne ich.
Viele dachten, ich sei ein Monster. Aber ich bin kein Monster. Ich habe nur etwas nach außen getragen, was in vielen steckt. Ich will nichts beschönigen, ich will kein Mitleid. Ich habe damals keine andere Lösung gesehen. Ich habe sieben Jahre bekommen.
Ich saß in Stein. Als Kinderschänder fliegst du dort die Stiegen runter, aber als Bankräuber wirst du respektiert. Die Leute wollen Informationen haben, wie es geht. Ich war der so genannte Zellenvater. Es ging mir, den Umständen entsprechend, nicht schlecht. Im Winter war mir saukalt. Man hat ja keine privaten Sachen. Man trägt nur Trainingsanzüge. Das ist die Uniform der Häftlinge. Alles Private wird deponiert und mit Mottenmitteln eingesprüht.
Nach sechs Jahren kam der Anruf: Jetzt gehen Sie, und regeln Sie Ihr Leben! Ein Wahnsinn. Sie müssen sich ja vorstellen, dass Sie im Gefängnis völlig entmündigt werden. Das Gefängnis ist eine Entmündigungsanstalt. Man wäscht Ihnen die Wäsche, man sperrt hinter Ihnen zu. Plötzlich kommst du raus. Viele saufen im ersten Überschwang ein Bier. Ich hatte etwas mehr als 1200 Euro, und ich hab mir geschworen: „Am Tag deiner Entlassung trinkst du nur ein Cola und bleibst zu Hause.“ Daran hab ich mich bis heute gehalten. Ich hatte endlich wieder ein Frühstück. Sie müssen wissen, in Stein gibt es kein gutes Frühstück.“


Neue Kommentare