Das Martyrium des Murat Kurnaz
Der ehemalige Guantánamo-Häftling schildert unmenschliche Torturen – ist seiner Anklage zu trauen? Sehr viel spricht dafür. (für DIE ZEIT)

„Ich bin 24 Jahre alt und habe alles verloren. Ich will wieder heiraten, ich will wieder Schiffe bauen. Ich will eine Familie haben.“ Als sich der Bremer Schiffbauer Murat Kurnaz am Montag gegen Mitternacht nach seinem eineinhalbstündigen Auftritt bei Reinhold Beckmann vom Deutschen Fernsehpublikum verabschiedete, da klagte er nur ganz leise über seine verlorene Jugend und sagte: „Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ich unterscheide mich nicht von den anderen Deutschen.“
Das stimmt nicht ganz.
Kurnaz saß fünf Jahre lang in einem Käfig in Guantánamo. Heute weiß man, dass er unschuldig ist. Die Haft hat ihn geprägt: Er ist nicht mehr der schüchterne 19jährige Junge, den man auf jenem Passfoto sieht, das seine Mutter Rabyie Kurnaz stets bei sich trug. Murat Kurnaz, der Sohn eines Monteurs, ist kräftig geworden, er trägt einen dichten roten Bart und eine mächtige Mähne, die er sich im Internierungslager wachsen ließ – um es dem Propheten Mohammed nachzutun, wie Kurnaz erzählt.
Er ist ein ruhiger Ankläger, der – obwohl er allen Grund zu Zorn und Wut hätte – ohne Pathos von seinen Jahren in Haft erzählt. Es sind nicht nur seine Berichte über Isolations-, Hitze- und Kältefolter, die Deutschland nun aufwühlen: Es ist auch das Versagen der rot-grünen Bundesregierung, das diesen Fall so verstörend macht. Schon vor vier Jahren boten die USA ja an, den Mann freizulassen. Doch die Geheimdienstexperten, allen voran der heutige BND-Chef Ernst Uhrlau, der damalige Geheimdienstkoordinator und heutige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier und der heutige Staatsekretär im Innenministerium, August Hannig, schlugen das Angebot aus, weil sie keinen Märtyrer in Deutschland haben wollten.
Nun erhebt Kurnaz schwere Foltervorwürfe – nicht nur gegen die USA, sondern auch gegen zwei deutsche Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK), die seinen Kopf gegen den Boden geschlagen und ihn an den Haaren gerissen haben sollen. Im afghanischen Kandahar war das. Er sei dort in einem Käfig festgehalten worden. Bei beißender Kälte, aber auch brütender Hitze habe man ihn wie ein Tier gehalten. Immer wieder sei er geschlagen worden. Man habe ihm konsequent den Schlaf geraubt und ihn in Isolationszellen abgesondert. „Ich bin davon ausgegangen, dass ich diese Haft nicht überlebe“, sagt Kurnaz. Einmal habe man ihn mit Elektroschocks gefoltert, ein anderes Mal an den Händen aufgehängt. Er solle doch zugeben, so bedeutete man ihm, Mohammed Atta und Osama bin Laden gekannt zu haben. Dann werde es ihm besser gehen. Kurnaz sei auch mit Plastikschläuchen zwangsernährt worden, als er in den Hungerstreik trat.
Ist all das plausibel? In seinen zensierten Briefen an seine Mutter hatte Kurnaz die Folter nie erwähnt. „Als ich es tat, wurde ich geschlagen“, sagt Kurnaz. Die Amerikaner bestreiten, ihren Gefangenen misshandelt zu haben. Doch was verstehen sie unter „misshandeln“? Vieles, was US-Soldaten zu jener Zeit erlaubt war, beurteilte der UN-Sonderberichterstatter über die Folter, Manfred Nowak, in einem Untersuchungsbericht als „unmenschliche Behandlung“. Ein Blick ins Army Field Manual FM 34-53, das am 2. Dezember 2002 von Verteidigungsminister Donald Rumsfeld autorisiert wurde, bestätigt diese Einschätzung. Darin finden sich fast all jene „Verhörmethoden“, die Kurnaz erlebt haben will – ganz offiziell aufgeschrieben.
• „Der Gebrauch von Stresspositionen – etwa Stehen – für eine maximale Dauer von vier Stunden“
• „Isolationshaft bis zu 30 Tage“
• „Das Aufsetzen von Kapuzen während des Transportes und während der Verhöre“
• „Lichtentzug“ und „akustische Stimulation“
• „Entzug allen Komforts“
• „Entzug von Kleidern“
• „Befragung über eine Dauer von 20 Stunden“
• „Einsatz von individuellen Ängsten wie Angst vor Hunden, um Stress zu erzeugen“.
Später wurden weitere Verhörmethoden autorisiert:
• „Schlaf-Management – also die Beeinflussung von Schlafzeiten“
• „Die Einsetzung extremer Temperaturen.“
Zwangsernährungen durch Plastikschläuche gibt es heute noch. Manche Häftlinge wurden bei Verhören auch tatsächlich, wie Kurnaz es schildert, an den Händen aufgehängt. Zumindest im Irak soll das so gewesen sein. So rekonstruierte die Journalistin Jane Mayer anhand von Gerichtsakten in der Zeitschrift New Yorker im November 2005 die „Tödliche Befragung“ des Terrorverdächtigen Manadel al-Jamadi durch den CIA-Beamten Mark Swanner, der heute unbehelligt in Virginia lebt. Jamadi wurde am Fensterkreuz seiner Zelle an beiden Händen aufgehängt. Weil er eine Kapuze trug, sah der CIA-Beamte nicht, dass Jamadi durch die Art der Fixierung blau anlief und erstickte. „Bei dieser Fixierung kann ein Mensch in ein paar Stunden sterben“, weiß auch Kurnaz. Er behauptet, während dieser Fixierung „körperlich an der Grenze zum Tod“ gestanden zu haben.
Kurnaz beschreibt auch, sein Kopf sei immer wieder in einen Kübel mit Wasser getaucht worden. Fest steht, dass das so genannte „waterboarding“ eine von der CIA angewandte Methode war, um Terrorverdächtige zum Reden zu bringen. Der ehemalige CIA-Direktor Porter Goss gab den Einsatz dieser Methode öffentlich zu. Noch etwas stützt Kurnaz’ Schilderungen: In einem Urteil, das die amerikanische Richterin im Fall Kurnaz gefällt hatte, wird unter Berufung auf einen internen FBI-Bericht festgehalten, dass Häftlinge in Guantánamo so heftig mit Musik beschallt und mit Kälte gequält wurden, dass sie sich die Haare ausrissen.
Und das Versagen der deutschen Politiker? Die Verhöre durch deutsche Beamte? Auch das ist kein Gerücht, sondern längst offiziell eingestanden. In den vertraulichen Berichten der Bundesregierung an das Parlamentarische Kontrollgremium werden nicht nur die Besuche von BND-Beamten und Verfassungsschützern in Guantánamo festgehalten, sondern auch das von deutscher Seite ausgeschlagene Angebot der USA, Kurnaz freizulassen, sofern dieser überwacht werde. „Mich packte das Entsetzen und die kalte Wut, als ich das las“, sagt Kurnaz’ Anwalt Bernhard Docke. Denn offiziell gab sich Rot-Grün – allen voran Joschka Fischer – besorgt um Kurnaz.
Wie es nun weitergeht? Murat Kurnaz versucht die USA zu verklagen. Die Chancen stehen schlecht, aber noch immer besser als bei anderen Häftlingen, denen der Rechtsweg per Gesetz verwehrt ist. Schließlich ist es in Kurnaz’ Fall seit 2002 aktenkundig, dass er unschuldig ist. Auch auf der politischen Bühne ist mit Verzögerung zu rechnen. Der Vorsitzende des BND-Untersuchungsausschusses, Siegfried Kauder (CDU), versucht sich zwar neutral zu geben und sagt auf die Frage, wie der Fall Kurnaz ausgehen wird: „Ich bin kein Kaffeesatzleser.“ Gleichzeitig beschwert er sich aber über Journalisten, „die Politiker in diesem Fall vor sich hertreiben“. Eines steht für Kauder indes fest: „Der Vorwurf, deutsche Beamte hätten Kurnaz misshandelt, klingt für mich absurd.“ Aber selbstverständlich werde man diesen Schilderungen unbefangen nachgehen.
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Zitat: “Fest steht, dass das so genannte „waterboarding“ eine von der CIA angewandte Methode war, um Terrorverdächtige zum Schweigen zu bringen.”
Muß es nicht heißen: “… um Terrorverdächtige zum REDEN zu bringen.” ?
Klar, danke für den Hinweis, habs schon geändert.
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