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Archiv für August 2006
09. Aug 2006

Der Rat der falschen Wächter

Der Fall Green Helmet: Wie Blogger im Libanonkrieg mit Halbwahrheiten Propaganda betreiben (für DIE ZEIT)
CAMEO_GREEN_HELMET.jpg
Pressefotografen als Handlager von Hisbollah? Die Fotos von der Bergung der
Kinderleichen in Kana – nur inszeniert? Bilder von Bombenruinen: gefälscht?
Renommierte Nachrichtenagenturen müssen sich dieser Tage vorwerfen lassen,
Teil von »Hisbollywood«, der Propagandamaschine der Islamisten, zu sein. Den
Vorwurf erhebt eine Kompanie von Bloggern und Hobbyjournalisten, die
es mit ihren Recherchen immer öfter in internationale Weltblätter und in politische
Kabinette schaffen. Ist ihnen zu trauen?
Diese Woche feierten Blogger etwa den »Kniefall« der Fotoagentur Reuters.
Auf einem Bild wurden Rauchwolken über dem bombardierten Beirut
dazugepixelt, auf einem anderen Foto Lichtpunkte zu einer israelischen F16
hinzugemogelt, die Raketen darstellen sollten. Reuters hatte diese
Manipulationen des Fotografen Adnan Hajj nicht bemerkt, obwohl eine eigene
Abteilung in Singapur Tausende Fotos auf solche »Bearbeitungen« sichtet. Die
Blogger hingegen stellten sogleich aufwändige Fotogutachten ins Netz. Der
Fotograf wurde gefeuert, seine Fotos sind gesperrt.
Die vergleichsweise harmlose Fälschung und ihre Enthüllung (die Angriffe
hatten ja stattgefunden, nur das Foto war zu langweilig) zeigt eine neue,
undurchsichtige Front im Bilderkampf. Reporter werden nicht nur von den
Propaganda-Abteilungen der Kriegsparteien ins Visier genommen, sondern auch
von einem Heer von »Watch-Bloggern«, die Bilder aus dem Netz googeln, um sie
zu checken. Ihr Vorteil: Viele professionelle Tagesmedien können wegen
Zeitdrucks die Arbeitsbedingungen von oft miserabel bezahlten und unter
Druck stehenden Agenturfotografen kaum noch überprüfen. Manchmal – siehe
Reuters – gelingen Bloggern Enthüllungen. Doch viele stilisieren sich in
diesem Krieg auch zu Medienrebellen, die »kommerziellen Medien«
anti-israelische oder gar antisemitische Berichterstattung nachzuweisen
versuchen. Bedenklich daran ist, dass sie auch in renommierten Zeitungen und
Online-Portalen ohne Gegencheck als Experten zitiert werden.
So kommt dieser Tage der stramm konservative britische Exsoldat Richard
North zu Weltruhm. Normalerweise würde sich wohl kaum jemand für sein
EU-kritisches Weblog eureferendum.blogspot.com interessieren. Doch North
verglich Fotos von den Bergungsarbeiten in Kana und spekulierte, dass die
Rettungsmaßnahmen nur Medientheater gewesen seien. Dahinter stünden wohl
Hisbollah-Agenten, die sich als Retter verkleiden: etwa ein Mann, den North
»Green Helmet« nennt. Der habe Kinder aus dem Schutt geholt, um sie in die
Kameras zu halten – ein Vorwurf, den vor Ort recherchierende Reporter
vehement bestreiten. Auffällig, so North, sei auch, dass Green Helmet schon
bei einem Angriff der Israelis vor zehn Jahren in Kana ein totes Kind in die
Kamera gehalten habe. Ein Indiz dafür, dass der Mann ein Hisbollah-Mann ist,
wie der Blogger vermutet?
Der Privatmann North löste jedenfalls mit ein paar Einträgen eine weltweite
Welle von Verschwörungstheorien aus, die sich nicht nur in Weltblättern sondern auch auf den Webseiten von ORF und Standard wiederfinden. Sie haben einen wahren Kern:
Journalisten können im Südlibanon oft nur unter der strengen Aufsicht von
Hisbollah arbeiten. Wie Fotografen berichten, wird mit Prügel bedroht, wer
Fotos von Katjuscha-Raketen oder Hisbollah-Kämpfern macht. Nur das
von Israel angerichtete Leid, nicht der Hisbollah-Terror soll sichtbar sein.
Aber sind deshalb Trauer und Wut ausgebombter Libanesen nur Islamo-Show, wie
nun in Zeitungen und von israelischen Politikern unter Berufung auf ­Norths
Weblog suggeriert wird? Die Jerusalem Post titelte unter Hinweis auf sein
Blog: »Die israelische Armee untersucht Vorwürfe, dass Hisbollah Teile der
Kana-Tragödie nur inszeniert hat«. Israelische Abgeordnete behaupteten
plötzlich, Hisbollah habe tote Kinder bewusst in den Keller gekarrt, um
damit internationalen Druck auf Israel auszulösen. Sogar die Leichenstarre
der Babys wurde erörtert. Dazu kam, dass auch der gefeuerte Reuters-Reporter
in Kana fotografierte. Selbst die angesehene Neue Zürcher Zeitung adelte den
Blogger plötzlich zu einem »Beobachter« des Krieges. Bild trieb das
Zitierkartell auf die Spitze: »Die Neue Züricher Zeitung nennt das Chaos aus
Schutt und Leichen (…) eine bloße Darbietung für angereiste Journalisten.«
So wurden Vermutungen eines einsamen Bloggers zu Recherchen eines
Weltblattes.
Erst der stern brachte diese Woche den Gegencheck und enthüllt, dass »Green
Helmet« kein Hisbollah-Agent sei, sondern seit 10 Jahren beim
Katastrophenschutz arbeite. Salam Daher, so sein Name, habe ein totes Kind
für die Fotografen hochgehalten, um »endlich in Ruhe nach Überlebenden
suchen zu können«.

08. Aug 2006

Zenas Weblog

Weblogs ereifern sich dieser Tage in wüsten Verschwörungstheorien. Retter, die Bombenopfer bergen, sollen Hisbollah-Leute sein (Beweise dafür gibts nicht) und die böse “westliche” und “kommerzielle” Presse lässt sich für “Hisbollywood” einspannen. Mehr davon in Kürze. Es gibt auch wertvollere Blogs zum Krieg. Seit der Krieg im Libanon wüstet, schreibt die libanesische Künstlerin Zena el-Khalid ein berührendes Tagebuch. Es kommt ohne Verschwörungstheorien aus.

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07. Aug 2006

Gestempelter Rauch

bilderkrieg_fake_big_r.jpgDer schlechteste Fotoshop- Betrug der Welt. Reuters Fotograf Adnan Hajj peppte ein Foto aus Beirut etwas stümperhaft auf. Manche Häuser sind nun doppelt zu erkennen, der Rauch weht nun zweimal durchs Bild. Das Foto rutschte durch den reuters sicherheitscheck, doch Blogger deckten den Schwindel auf. Der Fotograf hat dem Libanon keinen großen Dienst erwiesen.
Mehr über den Krieg der Bilder in Kürze hier.

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04. Aug 2006

Westis frische Winde

Stellen wir uns vor, es gäbe einen Menschen, der sich zu Weihnachten 1999 zu Bett gelegt hat – und heute wieder aufgewacht ist. Dann hätte er ORF-On angeklickt und diese Meldung vorgefunden. Was hätte sich dieser Mensch gedacht?

Schüssel streut Frauen in der Regierung Rosen.
Bundeskanzler und ÖVP-Obmann Wolfgang Schüssel kann sich einen Vizekanzler Peter Westenthaler vorstellen. “Wenn die Wähler ihn wollen und das Verhandlungsergebnis (bei Koalitionsgesprächen, Anm.) passt, kann er natürlich in Frage kommen”, sagt Schüssel in einem Interview für die “Salzburger Nachrichten” (Freitag-Ausgabe). “Selbstverständlich ist Peter Westenthaler qualifiziert für eine Aufgabe, ob als Klubobmann, als Parteivorsitzender oder als Regierungsmitglied. Das ist aber keine Koalitionsansage”, erklärt Schüssel. Seit Westenthaler das BZÖ übernommen hat, sei “frischer Wind spürbar”. Gemeinsam mit den drei Ministern Hubert Gorbach, Ursula Haubner und Karin Gastinger sowie mit Klubobmann Herbert Scheibner “bildet er ein relativ attraktives Team”, streut der Bundeskanzler den Orangen Rosen.

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02. Aug 2006

Wie mutig dürfen Grüne sein?

Die Grünen fordern “Weg mit Lebenslang”. Find ich gut, allerdings strategisch katastrophal platziert. Das Wahlvolk wird so schnell nicht mitkommen.
Leserin “Anna” postete nun das:
verzeihung, die umgekehrte logik wäre, dass die grünen so knapp vor der wahl möglichst KEINE komplexen themen ansprechen. daraus würde dann was genau resultieren? happy pics mit grünen spitzenkandidaten und möglichst feschen, glücklichen immigranten, die vielleicht auch noch DJs sind?……
Ja, im Prinzip hat sie recht, die Anna. Doch wenn die Grünen eine rotgrüne Mehrheit wollen, dann müssen sie auch massig Wähler von der ÖVP abziehen. Und die gewinnt man nicht mit einer mutigen Justizdebatte, die zwar sinnvoll und klug ist, aber ein Monat vor der Wahl fürs konservative Wahlvolk zu schnell und zu überraschend kommt. Aus grüner Sicht besser: mit breiten Grün-Themen auf Stimmenmaximierung setzen und dann bei Regierungsverhandlungen erst richtig die Klappe bei wichtigen Minderheitenthemen aufreissen. Sonst gewinnt man zwar die Gunst der ewigen Grünen, aber nicht die Wahlen. Aber vielleicht wollen das die Grünen ja auch gar nicht.

01. Aug 2006

Weg mit Lebenslang?

Die Grünen fordern die Abschaffung der lebenslangen Haft. Das ist grundsätzlich klug, denn die Lebenslange ist die Schwester der Todesstrafe. Ihr Haftende ist der Tod. Resozialisierung ausgeschlossen. Wer mal dreißig Jahre und mehr im Knast sitzt, kommt kaum noch zurück in die Gesellschaft.
Ob es klug war, ausgerechnet vor der Wahl so eine Experten-Debatte loszutreten? Wieder einmal werden die Grünen das Wahlvolk verschrecken. Denn es gibt Täter, die man auf die Gesellschaft nicht mehr loslassen kann. In Österreich, so schätzen Justizexperten, wird es ein halbes Dutzend sein. Sie müssen in hochgesicherten Krankenanstalten untergebracht werden, denn die normalen Justizanstalten sind mit diesen meist schwer kranken Psychiatriepatienten heillos überfordert. All das sollte ein(e) grüne Justizminister(in) klug vorbereiten – und am besten im Stillen durchziehen. Das Thema im sensiblen Wahlkampf zu platzieren ist leichtfertig. Es wird den Ökos wichtige Stimmen aus dem bürgerlichen Lager kosten. Wieder einmal.

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