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28. Jun 2006

Ein Glück, kein Verdienst

Friedrich Zawrel wurde von Heinrich Gross gequält – und will dafür nicht geehrt werden.
(für DIE ZEIT)
Kürzlich war Friedrich Zawrel zu Besuch in der Justizanstalt Stein. Ein ergrauter Wärter erschrak, als er den ehemaligen Häftling wieder erkannte: „Jessas, des is jo dem Gross sei Bua!“. Hier in Stein, wurde Friedrich Zawrel vor über dreißig Jahren einem berüchtigten Arzt vorgeführt. Der Arzt fragte Zawrel, ob er denn schon einmal bei einem Psychiater war. Zawrel antwortete: „Für einen Akademiker haben sie aber schlechtes Gedächtnis, Herr Doktor Gross. Sie werden doch den Spiegelgrund nicht vergessen haben?“ Gross sagte: „Reden wir nicht mehr darüber“.


Doch Zawrel sprach 25 Jahre „darüber“, er deckte Gross’ Vergangenheit auf, erzählte wie er als Kind von ihm einst am Spiegelgrund für „abartig debil“ erklärt und mit so genannten Speib-Injektionen gefoltert wurde. Zögling Zawrel konnte einst aus der Euthanasieanstalt flüchten, doch hunderte andere „lebensunwerte“ Kinder wurden von Ärzten ermordet. SPÖ und Justiz deckten ihren Genossen, der derweil weiter an den Hirnen der toten Kinder forschte und dafür mit Orden geschmückt wurde. Zawrel rutschte – dank seiner stigmatisierten Kindheit – in die Kleinkriminalität ab. Erst im Jahr 2000 wurde dem kürzlich verstorbenen NS-Arzt der Mordprozess gemacht und Zawrel rehabilitiert. Zu einem Urteil kam es wegen angeblicher Senilität des Arztes nie.
Nun will die Stadt Wien Friedrich Zawrel und den anderen Überlebenden vom Spiegelgrund ein Verdienstkreuz an die Brust heften. Doch Zawrel, der humorvolle, belesene und überaus kluge Zeitzeuge, will sich der späten Auszeichnung verweigern. Er will nicht dafür geehrt werden, den NS-Staat überlebt zu haben: „Das war kein Verdienst, sondern Glück“, sagt er. In Wahrheit erwartet Friedrich Zawrel von Wien etwas mehr, als ein Stück Metall: er wünscht sich für den Spiegelgrund ein Dokumentationszentrum, in dem die Schicksale der Kinder, sowie die Verbrechen und Karrieren der Wiener NS-Ärzte aufbereitet werden.
Dazu wird es nicht kommen. Die Stadt gibt sich am Spiegelgrund mit einem Gedenkstein zufrieden. Das Areal am Steinhof soll verbaut werden. „Wo einst ermordeten Kindern die Hirne entnommen wurden“, sagt Friedrich Zawrel, „sollen nun schicke Wohnungen stehen. Das ist für uns Überlebende schwer auszuhalten.“

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