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12. Jun 2006

Drei Leichen im Käfig

Drei Häftlinge haben sich in Guantánamo umgebracht. Gut möglich, dass es noch mehr werden
(Beitrag für DIE ZEIT)
Was hatten die Wachmannschaften im Guantánamo nicht alles unternommen, um das Leben der »feindlichen Kämpfer« zu retten: Hungerstreikende wurden an Gitterbetten gefesselt und künstlich ernährt, manche Käfige, in denen die Internierten sitzen, alle 30 Sekunden kontrolliert. Das 21 Mann starke »Behavioral Health Service«, ein Team von Psychiatern, sollte sich um jene im Lageralltag verrückt gewordenen Häftlinge kümmern, die gehortete Schlaftabletten schluckten, sich Dutzende Male die Pulsadern aufschnitten oder (wie ein US-Gericht kürzlich festhielt) sich sogar die Haare ausrissen, weil sie die Hitze und die systematische Beschallung mit Rapmusik nicht mehr ertrugen.
Doch am vergangenen Samstag, kurz nach Mitternacht, gelang es


Mani al-Harbadi, 30, Yasser al- Zahrani, 22, und Ali Abdullah Ahmed, 33, sich mit ihren Betttüchern in den Gitterkäfigen zu erhängen. Viereinhalb Jahre lang lebten die drei im US-Lager. Ihre Abschiedsbriefe werden geheim gehalten. Der Saudi Ahmed, so das Pentagon, soll ein Al-Qaida-Mitglied »der mittleren Ebene« gewesen sein. Sein Landsmann Habardi besuchte angeblich die pakistanische al-Tabliq Missionsbewegung, die unter Experten jedoch nicht als Terrorvereinigung gilt (ZEIT Nr. 50/05), und der Jemenit Zahrani wurde schon als Jugendlicher interniert, weil er als »Frontkämpfer der Taliban« an einem Häftlingsaufstand im Gefängnis im afghanischen Masar-i-Scharif teilgenommen haben soll. In viereinhalb Jahren schafften es die US-Behörden nicht, diese drei Insassen zumindest vor ein Militärtribunal zu stellen.
Es sind die ersten Guantánamo-Selbstmörder, deren Leichen nun von US-Soldaten nach islamischen Ritus gewaschen, in Leinentücher gewickelt und gen Mekka aufgebahrt werden sollen. Und während George W. Bush verspricht, die Toten »human« zu behandeln, legt sein Militär noch nach. »Diese Selbstmörder«, so behauptet Lagerkommandant Harry Harris, »sind gerissen, erfinderisch und von ihrer Sache überzeugt.« Die Internierten hätten »keine Achtung vor dem Leben«. Kein »Akt der Verzweiflung«, habe sie in den Tod getrieben, »sondern ein Akt der asymmetrischen Kriegsführung gegen uns.« Colleen Graffy, eine Sprecherin der US-Regierung sagte: »Die Selbstmorde sind ein guter PR-Gag, um Aufmerksamkeit zu erregen.« Die Häftlinge wollten doch nur jene US-Höchstrichter beeindrucken, die Ende Juni darüber entscheiden sollen, ob auch Guantánamo-Häftlinge Zugang zu ordentlichen US-Gerichten haben.
Solche Äußerungen mögen die Weltöffentlichkeit verwundern. Für Anwälte von Guantánamo-Häftlingen und Menschenrechtsexperten sind sie Alltag geworden in dieser rechtlosen Welt, in der über 500 Häftlinge zum Teil in völliger Isolation hinter Gittern leben. Viele von ihnen ahnen langsam, dass sie noch jahrelang ohne Anklage festgehalten werden können. Die Regierung, so berichtete kürzlich die New York Times, plant darüber hinaus die Transferierung vieler Häftlinge in ein neues – von Medien weniger beleuchtetes – Lager im afghanischen Bagram.
Guantánamo, das weiß wohl auch die US-Regierung, entwickelt sich zum permanenten PR-Disaster. Fast wöchentlich verbreitet das Pentagon auf seiner Homepage nun Jubelmeldungen und Fotos, um die die »exzellente medizinische Betreuung« der Häftlinge und die verbesserten Haftbedingungen zu belegen. Kürzlich wurden sogar Fotos von Basketballplätzen in Guantánamo für Medien zum Download bereitgestellt. Doch dann dringen immer wieder Meldungen über Häftlingsrevolten, versuchte Massenselbstmorde und die miserable medizinische Betreuung nach außen. Zuletzt rügte der UN-Sonderberichterstatter über Folter, Manfred Nowak, die katastrophale medizinische Versorgung und die unmenschliche Behandlung, die an Folter grenze. Selbst Nowak wurde untersagt, mit Häftlingen zu sprechen.
Und so sind Menschenrechtsexperten einerseits auf Häftlingsberichte und Kassiber, andererseits auf offizielle Stellungnahmen des Pentagon angewiesen. Der US-Anwalt Joshua Colangelo-Bryan hat so ein bizarres Schreiben durch eine Klage erwirkt. Seit Monaten versucht der junge Advokat den Fall des bahrainischen Gefangenen Jumah al-Dossari, 32, vor ein US-Gericht zu bringen. Zwölf Mal hatte sich al-Dossari bereits die Pulsadern aufgeschnitten, weil er die Isolation im Gitterkäfig nicht mehr ertrug, wie sein Anwalt berichtet. Doch die US-Regierung wies in einer 33 Seiten langen Stellungnahme alle Vorwürfe zurück. Über die Begründung muss Anwalt Colangelo-Bryan fast lachen: al-Dossari, so heißt es in dem Pentagon-Schreiben, sei in seinem Käfig doch gar nicht isoliert gewesen. Er habe eine »herzliche Beziehung« zu den Vernehmungsbeamten gepflegt, sei in vier Jahren 29 Mal vernommen worden und habe mit den Beamten dabei »Western Food und Pizza« gegessen, »Schach und Dame gespielt« oder »Troja und Gladiator« geguckt. »Solche Schriftsätze«, sagt Anwalt Colangelo-Bryan, »sind ein Fressen für arabische Medien.« Und mit einem Klick mailt er das Dokument mit seinem Blackberry an einen Journalisten in Bahrain.
Doch nicht nur solche Statements, auch die Alltagsmeldungen über das Leben im Lager sind bezeichnend: Kürzlich berichtete eine Ärztin über die »erstklassige Zahnbehandlung«, die sie den Häftlingen biete, und erzählt dann, wie sie Häftlingen »Beißblocker« in den Mund schiebe, um ungestört »interessante Krankheiten« zu diagnostizieren, die »ich noch nie gesehen habe«. Leider würden sich die Gefangenen faule Zähne nur ungern ziehen lassen – »weil es Gott verboten habe«. Und erst nach harscher Kritik der UN klärte die US-Armee darüber auf, dass jene 121 Männer, die »freiwilliges Fasten« betreiben (so nennen die Militärs den Hungerstreik) mit einem »vier Millimeter dicken Spezialschlauch« exakt 1500 Kalorien zugeführt bekommen. Der Schlauch, so versichert das Pentagon, werde »stets mit Gleitmitteln und Betäubungsmitteln« in den Schlund geschoben und sei »sehr weich«. (DIE ZEIT)

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