Napoleon
Bei Polizisten verhasst, bei Politikern beliebt: Nach der Rotlichtaffäre könnte Roland Horngacher Wiens Polizeichef werden. Porträt eines einsamen Kriegers
Seine Lieblingslektüre ist »Die Kunst des Krieges«, verfasst vom chinesischen General Sunzi. Auf einem Faschingsfest der Polizei hatte er sich einmal als General verkleidet. Seither nennen ihn die Untergebenen nur noch Napoleon. In Polizeizeitungen karikieren sie ihn als dicklichen Feldherrn am Trümmerfeld, unter ihm die Leichen.
Napoleon wird gefürchtet, verspottet, verachtet und dennoch von Politikern der großen Parteien befördert. Denn der ist nicht nur cholerisch, er arbeitet auch - ungewöhnlich für einen Polizisten - sechzehn Stunden am Tag. Er hat Großes vor: Er will die Polizei neu aufzustellen in der gemütlichen Stadt, in der sich längst auch das Verbrechen auf der Straße organisiert. Er will, sagt er, Dealern die öffentlichen Parks streitig machen und Einbrechern nicht mehr nachschauen, wenn sie die Beute davon tragen. Nicht nur die rote Stadtregierung und das schwarze Innenministerium, vor allem die Kronen Zeitung liebt ihn dafür. Es ist wohl kein Zufall, dass immer Fotografen dieses Blattes dabei sind, wenn er bei nächtlichen Razzien höchstpersönlich die Ausweise von Zuhältern und Dealern inspizert.
Napoleon, alias Roland Horngacher, ist erst seit kurzem Wiens Landespolizeidirektor. Bald könnte dieser Mann erneut befördert werden – und Polizeichef dieser Stadt werden. Die Rotlichtaffäre, die derzeit die Polizei durchschüttelt, wird ihm vermutlich nützen. Die gemütliche Wiener Polizei, dominiert von etwas schrulligen, SPÖ-nahen Bürokraten, wird nicht mehr das sein, was sie einmal war. Sie wird umgebaut und nach New Yorker Vorbild verstärkt auf »Null Toleranz« getrimmt werden.
Man muss Horngachers Reich gesehen haben, um ihn zu verstehen. In seinem Büro hängt die Kopie eines Schlachtengemäldes und wie bei einem Feldherrn stehen vor seinem Schreibtisch dutzende Papierrollen – Stadtpläne Wiens. Auf ihnen lässt der Jurist - auch so eine Idee aus New York - mit roten Punkten die Verbrechen der Stadt kartografieren. Wo sich die Punkte zu roten Nebeln verdichten schickt er seine Sondertruppen hin. Horngacher hat offenbar die Broken Window Theorie studiert. Sie besagt: wer kleine Ganoven auf der Straße duldet, wird irgendwann den ganzen Bezirk ans Gesindel verlieren. Also strömen junge, hungrige Beamte aus, die sich mal ganz offiziell »Prätorianergarde« nannten. Sie schaufeln Dealer, Einbrecher und Taschendiebe ins Wiener Landesgericht - oft aber auch nur Menschen, die sie wegen ihrer Herkunft dafür halten.
Selbst Wiens strengste Richter klagen, die derart Verhafteten würden nur die Anzeigestatistiken schönen. Sie müssten schnell wieder freigelasen werden – weil man ihnen nichts nachweisen könne, außer der dunklen Hautfarbe. Horngacher aber sagt: »Ich erkläre dem Verbrechen in der Stadt den Krieg und ich werde diese Schlacht gewinnen!« Und schon strömen wieder Prätorianer aus und verbreiten in vertraulichen Gesprächen die intimsten Geschichten über »faule Staatsanwältinnen«. Angriffe auf die träge Justiz, die der Polizei nicht gehorcht: auch das ist bekannt aus New York.
Man wird sich an all das wohl auch in Wien gewöhnen müssen. Denn eine andere Schlacht, hat Horngacher letzte Woche für sich entschieden. Keine Intrige, sondern Dummheit des Gegners hatte ihm in die Hände gespielt. Horngachers einziger ernsthafter Konkurrent um den Posten des Polizeichefs – der bis vor kurzem höchst angesehene Kriminalist Ernst Geiger – wurde suspendiert. Der leutselige Hofrat klärte zwar kürzlich unter dem Beifall der Regierung den spektakulären Diebstahl der Saliera, doch er pflegte zugleich auch eine enge Freundschaft zum Betreiber einer sogenannten »FKK-Sauna«. Seit Wochen ermittelte die Polizei gegen diesen Sauna-Besitzer wegen Frauenhandels und Zuhälterei. Während dieser Ermittlungen traf Geiger den Rotlicht-Mann »ganz privat«, um ihm, wie die Staatsanwaltschaft vermutet, »indirekt« über bevorstehende Razzien zu informieren. Ob er angeklagt wird, wird kommende Woche entschieden. Geiger weist all diese Vorwürfe vehement zurück. Er weiß allerdings heute schon: »Ich habe verloren.«
Damit wird eine neue Ära anbrechen. Max Edelbacher, ehemaliger Chef des mächtigen Wiener Sicherheitsbüros - und nach Kritik am ehemaligen ÖVP-Innenminister Ernst Strasser in ein Kämmerchen versetzt – sagt: »Horngacher treibt nun die Militarisierung der Polizei voran. Der Apparat wird straff organisiert, Kritiker sanktioniert.« Edelbacher kann das so frei sagen, weil er in Kürze in Pension geht. Andere müssen schweigen, wollen sie nicht das Schicksal des Polizisten Fritz Kovar erleiden. Kovars Job war es, den oft als voreilig empfundenen Waffengebrauch der »Prätorianer« zu untersuchen. Der kritische Kopf wagte es auch, Mitgliedern des Menschenrechtsbeirates – ein Kontrollgremium der Innenministerin – über vermutete Missstände zu informieren. Tags darauf wurde er auf eine Wachstube versetzt – um »praktische Erfahrungen auf der Straße zu sammeln«, wie Horngacher sagt.
Es gibt viele solcher Geschichten, die sich Polizisten dieser Tage erzählen. Vom Anbrüllen und Einschüchtern ist dabei oft die Rede. Und von Horngacher, der in den einsamen Höhen seiner Macht den Bezug zur Realität verliere. Vieles mag übertrieben sein, doch die Angst der Polizei vor diesem Mann ist erstaunlich. Dabei galt Horngacher, das sagen auch seine Kritiker, nicht immer als autoritärer Krieger. Als Leiter der Wirtschaftspolizei habe sich der bekennende Sozialdemokrat den Ruf eines mutigen Ermittlers erworben, sagt etwa Max Edelbacher. Kurz nach Antritt der blau-schwarzen Regierung wagte er es, Haftbefehle gegen Wiens FPÖ-Granden zu beantragen. Die Blauen standen im Verdacht, bei FPÖ-Polizeigewerkschaftern Polizeidaten von Kritikern gekauft zu haben. Als »roten Bruder« musste sich Horngacher damals von Jörg Haider beschimpfen lassen. Heute nennen ihn vor allem rote Polizisten einen Handlanger der Regierung. Vielleicht sollten auch sie die »Kunst des Krieges« lesen. »Wenn ein General das Prinzip der Anpassungsfähigkeit vernachlässigt«, schreibt General Sunzi, »darf man ihm keine bedeutende Position anvertrauen.« (in Die ZEIT, 15/06)
Bei Polizisten verhasst, bei Politikern beliebt: Nach der Rotlichtaffäre könnte Roland Horngacher Wiens Polizeichef werden. Porträt eines einsamen Kriegers
Seine Lieblingslektüre ist »Die Kunst des Krieges«, verfasst vom chinesischen General Sunzi. Auf einem Faschingsfest der Polizei hatte er sich einmal als General verkleidet. Seither nennen ihn die Untergebenen nur noch Napoleon. In Polizeizeitungen karikieren sie ihn als dicklichen Feldherrn am Trümmerfeld, unter ihm die Leichen.
Napoleon wird gefürchtet, verspottet, verachtet und dennoch von Politikern der großen Parteien befördert. Denn der ist nicht nur cholerisch, er arbeitet auch - ungewöhnlich für einen Polizisten - sechzehn Stunden am Tag. Er hat Großes vor: Er will die Polizei neu aufzustellen in der gemütlichen Stadt, in der sich längst auch das Verbrechen auf der Straße organisiert. Er will, sagt er, Dealern die öffentlichen Parks streitig machen und Einbrechern nicht mehr nachschauen, wenn sie die Beute davon tragen. Nicht nur die rote Stadtregierung und das schwarze Innenministerium, vor allem die Kronen Zeitung liebt ihn dafür. Es ist wohl kein Zufall, dass immer Fotografen dieses Blattes dabei sind, wenn er bei nächtlichen Razzien höchstpersönlich die Ausweise von Zuhältern und Dealern inspizert.
Napoleon, alias Roland Horngacher, ist erst seit kurzem Wiens Landespolizeidirektor. Bald könnte dieser Mann erneut befördert werden – und Polizeichef dieser Stadt werden. Die Rotlichtaffäre, die derzeit die Polizei durchschüttelt, wird ihm vermutlich nützen. Die gemütliche Wiener Polizei, dominiert von etwas schrulligen, SPÖ-nahen Bürokraten, wird nicht mehr das sein, was sie einmal war. Sie wird umgebaut und nach New Yorker Vorbild verstärkt auf »Null Toleranz« getrimmt werden.
Man muss Horngachers Reich gesehen haben, um ihn zu verstehen. In seinem Büro hängt die Kopie eines Schlachtengemäldes und wie bei einem Feldherrn stehen vor seinem Schreibtisch dutzende Papierrollen – Stadtpläne Wiens. Auf ihnen lässt der Jurist - auch so eine Idee aus New York - mit roten Punkten die Verbrechen der Stadt kartografieren. Wo sich die Punkte zu roten Nebeln verdichten schickt er seine Sondertruppen hin. Horngacher hat offenbar die Broken Window Theorie studiert. Sie besagt: wer kleine Ganoven auf der Straße duldet, wird irgendwann den ganzen Bezirk ans Gesindel verlieren. Also strömen junge, hungrige Beamte aus, die sich mal ganz offiziell »Prätorianergarde« nannten. Sie schaufeln Dealer, Einbrecher und Taschendiebe ins Wiener Landesgericht - oft aber auch nur Menschen, die sie wegen ihrer Herkunft dafür halten.
Selbst Wiens strengste Richter klagen, die derart Verhafteten würden nur die Anzeigestatistiken schönen. Sie müssten schnell wieder freigelasen werden – weil man ihnen nichts nachweisen könne, außer der dunklen Hautfarbe. Horngacher aber sagt: »Ich erkläre dem Verbrechen in der Stadt den Krieg und ich werde diese Schlacht gewinnen!« Und schon strömen wieder Prätorianer aus und verbreiten in vertraulichen Gesprächen die intimsten Geschichten über »faule Staatsanwältinnen«. Angriffe auf die träge Justiz, die der Polizei nicht gehorcht: auch das ist bekannt aus New York.
Man wird sich an all das wohl auch in Wien gewöhnen müssen. Denn eine andere Schlacht, hat Horngacher letzte Woche für sich entschieden. Keine Intrige, sondern Dummheit des Gegners hatte ihm in die Hände gespielt. Horngachers einziger ernsthafter Konkurrent um den Posten des Polizeichefs – der bis vor kurzem höchst angesehene Kriminalist Ernst Geiger – wurde suspendiert. Der leutselige Hofrat klärte zwar kürzlich unter dem Beifall der Regierung den spektakulären Diebstahl der Saliera, doch er pflegte zugleich auch eine enge Freundschaft zum Betreiber einer sogenannten »FKK-Sauna«. Seit Wochen ermittelte die Polizei gegen diesen Sauna-Besitzer wegen Frauenhandels und Zuhälterei. Während dieser Ermittlungen traf Geiger den Rotlicht-Mann »ganz privat«, um ihm, wie die Staatsanwaltschaft vermutet, »indirekt« über bevorstehende Razzien zu informieren. Ob er angeklagt wird, wird kommende Woche entschieden. Geiger weist all diese Vorwürfe vehement zurück. Er weiß allerdings heute schon: »Ich habe verloren.«
Damit wird eine neue Ära anbrechen. Max Edelbacher, ehemaliger Chef des mächtigen Wiener Sicherheitsbüros - und nach Kritik am ehemaligen ÖVP-Innenminister Ernst Strasser in ein Kämmerchen versetzt – sagt: »Horngacher treibt nun die Militarisierung der Polizei voran. Der Apparat wird straff organisiert, Kritiker sanktioniert.« Edelbacher kann das so frei sagen, weil er in Kürze in Pension geht. Andere müssen schweigen, wollen sie nicht das Schicksal des Polizisten Fritz Kovar erleiden. Kovars Job war es, den oft als voreilig empfundenen Waffengebrauch der »Prätorianer« zu untersuchen. Der kritische Kopf wagte es auch, Mitgliedern des Menschenrechtsbeirates – ein Kontrollgremium der Innenministerin – über vermutete Missstände zu informieren. Tags darauf wurde er auf eine Wachstube versetzt – um »praktische Erfahrungen auf der Straße zu sammeln«, wie Horngacher sagt.
Es gibt viele solcher Geschichten, die sich Polizisten dieser Tage erzählen. Vom Anbrüllen und Einschüchtern ist dabei oft die Rede. Und von Horngacher, der in den einsamen Höhen seiner Macht den Bezug zur Realität verliere. Vieles mag übertrieben sein, doch die Angst der Polizei vor diesem Mann ist erstaunlich. Dabei galt Horngacher, das sagen auch seine Kritiker, nicht immer als autoritärer Krieger. Als Leiter der Wirtschaftspolizei habe sich der bekennende Sozialdemokrat den Ruf eines mutigen Ermittlers erworben, sagt etwa Max Edelbacher. Kurz nach Antritt der blau-schwarzen Regierung wagte er es, Haftbefehle gegen Wiens FPÖ-Granden zu beantragen. Die Blauen standen im Verdacht, bei FPÖ-Polizeigewerkschaftern Polizeidaten von Kritikern gekauft zu haben. Als »roten Bruder« musste sich Horngacher damals von Jörg Haider beschimpfen lassen. Heute nennen ihn vor allem rote Polizisten einen Handlanger der Regierung. Vielleicht sollten auch sie die »Kunst des Krieges« lesen. »Wenn ein General das Prinzip der Anpassungsfähigkeit vernachlässigt«, schreibt General Sunzi, »darf man ihm keine bedeutende Position anvertrauen.« (in Die ZEIT, 15/06)

