Jenseits von Afrika

Woher kommen Drogendealer? Wer rekrutiert sie? Wo leben sie in Wien? Im Falter hatte ich dazu vor einiger Zeit eine Reportage verfasst. Das hier beschriebene Heim ist, darauf weist die Polizei hin, mittlerweile geschlossen, die Zustände dort sind wohl exemplarisch und in Wien wohl noch immer anzutreffen.

Jenseits von Afrika

Zuhause waren sie Bauern oder Studenten. Dann ließen sie sich in Container verfrachten und zahlten Unsummen für die Fahrt ins Paradies. Nun leben hundert Afrikaner als Bettgeher in Massenquartieren und werden mitunter sogar von Polizisten zum Drogenhandel angestiftet.
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Diesmal wurde Mike aufs Kreuz gelegt. Er hätte es sich denken können. 81.000 Euro, mehr als eine Million Schilling, hatte der Besitzer des Nachtklubs vor ihm auf den Tisch geblättert. "Besorg mir Stoff. Braunes und Weißes", flüsterte er.
Mike ist erst seit wenigen Wochen in Österreich und hatte noch keine Berührung mit der Polizei. Nach eigenen Angaben ist er Doktor der Ernährungswissenschaften, der vor ein paar Wochen per Schiff aus Ghana nach Europa kam. Er kannte nur ein paar "Brüder" aus Afrika. Es waren die falschen Freunde. Sie nannten sich "Dr. John" und "Paki", logierten am Reumannplatz. Als Drogenbote nahm er von ihnen eine Kugel Heroin, verbarg sie in der Unterhose und gab sie dem Zuhälter in einem Wirtshaus in Fünfhaus zur Probe. Der nahm die Kugel und verließ das Lokal, um sie "zu testen". Dann lag Mike mit Handschellen am Boden. Der Idiot.......(Fortsetzung bitte unten anklicken)

Der Zuhälter war Polizist. Verdeckter Fahnder, Bundeskriminalamt, Abteilung II/8 - Ost 1. Er hat, wie sich aus den Akten ergibt, Mike zum Drogenhandel angestiftet, "um per Scheinkauf Drogen vom Markt zu holen", wie das die Polizei nennt. Die Strafprozessordnung verbietet die staatliche Anstiftung eigentlich bei "strengster Ahndung", doch Staatsanwälte und Richter erlauben Scheinkäufe. Man werde den Drogenhandel "mit allen Mitteln bekämpfen", versprechen die Behörden. Der "Straßendealer" Mike habe schließlich "versucht, eine große Menge Heroin in Verkehr zu setzen, indem er diese einem verdeckten Ermittler des Innenministeriums zum Ankauf überließ", schreibt nun die Staatsanwältin und will "strengste Ahndung".
Menschen wie Mike machen das Volk, aber auch die vielen unschuldigen Afrikaner in Wien wütend. Sie sind ein Grund dafür, dass all die aggressiven Worte fallen und der Staat der Polizei fragwürdige Rechte einräumt. "3000 potenzielle Drogendealer aus Afrika" soll es in Österreich geben, versicherten die Ermittler unlängst vor den Medien. Sie zeichneten Diagramme, sprachen von Kartellen und Mordbrigaden, die Wiens Unterwelt längst regieren. Sie zählten 165 Festnahmen und 890 Anzeigen im letzten Jahr. Die Zeitungen hatten ihre Schlagzeilen. Doch sind die Zahlen plausibel? Wieso werden 3000 Afrikaner als "potenzielle" Dealer verdächtigt, aber bloß 165 festgenommen? Wie steht es um andere ethnische Gruppen? Alles nur eine Übertreibung, wie Polizeikritiker sagen?
Vielleicht bietet ein heruntergekommenes Haus, gleich neben der rot erleuchteten Bar, in der sich der Polizist als Zuhälter verkleidet hatte, die Antwort. Hier, im 15. Bezirk in der Ullmannstraße, wo Cafés "Hawidere" heißen, befindet sich das Quartier des christlichen Vereins Suara ("der Schrei"). Hier ist auch Mike ein- und ausgegangen. Eine "Schaltzentrale des Drogenhandels", nennt die Polizei das Haus. Neulich war sie wieder da, um maskiert eine ihrer nächtlichen Razzien durchzuführen, bei der die Türen eingetreten und alle Afrikaner in Unterwäsche auf den Gang gestellt werden.
Doch wenn Suara-Obmann Alexander Wuppinger, ein bulliger Mann mit dickem Bart, die notdürftig zusammengenagelten Türen seines 160 Quadratmeter großen Quartiers öffnet, bietet sich ein anderes Bild. Eines, das eher an die Elendsquartiere der einstigen Bettgeher denn an die Refugien eines Drogenkartells erinnert.
In der schmutzigen Küche wäscht einer das Blut von einem großen Berg billigen Fleisches in der Abwasch, "weil er es zu Hause so gelernt hat". Es riecht nach kaltem Rauch, dort pinkelt einer bei offener Tür in die Badewanne, weil das Klo für Dutzende Männer gerade nicht funktioniert.
Rund hundert Männer kauern hier jede Nacht auf schmutzigen Matratzen nebeneinander. Sie tragen dicke Daunenjacken, weil die paar Heizkörper die kalte Luft, die aus den undichten Fenstern kommt, nicht so richtig erwärmen können. Über 600 Afrikaner waren vergangenes Jahr hier zeitweise untergebracht. Unter ihnen Wissenschaftler, Bauern, Buchdrucker, Wirtschaftsstudenten. Manche davon Jugendliche. Einzelne zeigen Narben, die von Folterungen herrühren sollen, manche sind schwer krank und ohne Recht auf einen Arzt. "Schau dir das an! Es ist sehr dreckig hier. Wenn wir Drogenbosse wären, würden wir doch hier nicht wohnen. Manche hier dealen, weil sie sonst nicht leben können. Auch wir verachten sie dafür, weil sie unseren Ruf ruinieren", sagt einer.
"Man kann das hier ein Massenquartier nennen. Aber dann ist Traiskirchen auch eines", sagt Alexander Wuppinger. Sein Haus sei der einzige Ort, der Afrikaner nicht abweise, und die Afrikaner seien diese Umstände ohnedies gewohnt. Angeblich würde sogar die Polizei manchmal jene hierher schicken, die der Staat auf die Straße setzt. "Ich nehme alle auf", sagt Wuppinger, "selbst Haftentlassene und verurteilte Dealer". Selbst wenn er sie in die Küche oder auf den Gang legen muss. Selbst wenn ihm die Polizei noch so viele Verfahren wegen Beihilfe zum Drogenhandel anhängt und nach monatelangen Untersuchungen wieder einstellt. Nicht nur sein strenger Glaube gebiete es ihm. Es sei der erste Schritt, den Drogenhandel zu bekämpfen, wenn man die Burschen von der Straße holt, glaubt Wuppinger.
Die Behörden sehen seine Arbeit weniger positiv. Auch er mache sein Geschäft. Nur die erste Woche dürfen Afrikaner kostenlos hier wohnen. Dann kostet die Matratze 150, ein Doppelzimmer 450 Euro im Monat. Strom, Küche und ein kaputtes Klo inklusive. "Das sind fünf Euro am Tag", sagt Wuppinger. 20.000 Euro Umsatz im Monat macht Wuppinger mit dem heruntergekommenen Haus. Die eine Hälfte gehe angeblich in die Reparatur des Hauses, die andere in ein Rückkehrprojekt in Ghana, wo soeben eine Farm errichtet werde. Nur 500 Euro würde er sich selbst von dem Geld gönnen. Wuppingers Beweise: Fotos von frisch erbauten Schweineställen in Ghana.
Wie immer man zu Wuppinger und seinem religiösen Engagement steht: Die Afrikaner sind in Wien in einer Lage, die sie zu Männern wie Wuppinger treibt. Die Politik wendet sich angewidert von jenen ab, die auch nur in Verdacht stehe, mit Drogen Geschäfte zu machen. Nur jugendliche Asylwerber werden staatlich betreut. Der Rest hat keinerlei Rechte hier. Auf den Straßen fühlen sich viele als Freiwild. "Ich habe noch nie gedealt, aber in der U-Bahn packt die Polizei meinen Hals und schaut mir in den Mund, ob ich Drogen drinnen habe", sagt etwa Joseph, ein Mann mit Zahnlücke und schief ins Gesicht gezogener Schirmkappe, und würgt sich zum Beweis kurz selbst. "Appelliere an die Regierung, dass sie sich das Lager einmal ansieht", bittet der nächste.

Die Männer, die hier wohnen, haben Unsummen investiert, um Ländern zu entkommen, in denen man 15 Euro im Monat verdient. Sie erzählen, wie sie mit rostigen Kuttern übers Meer verfrachtet wurden, wie sie tagelang in den Nischen von Güterzügen gekauert sind. Doch Europa will sie nicht. Keine Quoten, kein Asyl gibt es für sie. Deshalb sind sie, rechtlos und mittellos, den Verlockungen jener "Pakis" und "Dr. Johns" ausgeliefert, die ihnen an einem Tag einen nigerianischen Jahreslohn versprechen. Und die Polizei lässt ihnen deshalb keine Ruhe. Selbst wenn sie nichts angestellt haben. Hier in den Matratzenlagern lebt zum Beispiel auch einer, der für die Löschung seines Aufenthaltsverbotes Spitzeldienste leistet und am Gang heimlich seine Sammlung von Polizeivisitenkarten zeigt. "Ich mache mir nichts vor. 80 Prozent der Burschen in diesem Haus dealen", glaubt Wuppinger, "man muss in ihrer Heimat dafür sorgen, dass sie zurückkehren."
Marcus war 19, als er sich entschlossen hatte, die Heimat zu verlassen. Er lässt sich in einen Container mit Baumwolle packen und nach Hamburg schiffen. 1500 Dollar hat er dafür bezahlt. Weil ihm Nachbarn in Nigeria versicherten, dass er hier "Big Money" machen könne. Als Fußballer oder Angestellter bei einer Bank. Für seine Reise legten Verwandte zusammen, was sie hatten. Nun warten sie auf die versprochenen Schecks aus Europa.
Marcus sitzt auf einer speckigen Couch, wippt nervös mit den Füßen und sagt: "Das ist ein einziger Scheiß hier." Er ist daran natürlich selbst schuld. Zu Mittag geht er raus, treibt sich in U-Bahnen herum und wartet, bis einer der Junkies "small, small" ordert. Dann wird er sich ein paar Drogenkugeln in den Mund stecken und hoffen, dass sie nicht aufplatzen, "weil man die Qualität der Verpackung nicht kennt". Er wird vielleicht bald von einem Polizisten angerufen werden. Und dann wird es vorbei sein. Acht Kugeln mit Koks und Heroin kann Marcus pro Tag verkaufen. Auf 400 Euro kommt er im Monat, sagt er. Die Hälfte davon gehe angeblich nach Nigeria, um die Reisekosten abzudecken. "Meine Mutter glaubt, dass ich einen richtigen Job habe. In Nigeria würde man mich Jahre ins Gefängnis werfen."
Soeben ist Mary, 19, angekommen. Sitzt da, versteht kein Wort und bläst ihre Angst in eine Kaugummiblase. Sie ist eine der wenigen Frauen hier. Ihre Reise ins Paradies endete in St. Pöltens Polizeigefangenenhaus. Wuppingers Jurist hat sie herausgeholt. Bundesbetreuung bekommt sie nicht. "Du schläfst jetzt einmal da, wir werden schon was finden", sagt Wuppinger. Die ungebildeten Frauen vom Land hätten es am schlimmsten, weil sie eigentlich gar nicht nach Europa wollen. "Man verhext sie, sagt, dass ihr Blut ausrinnen werde, wenn sie kein Geld verdienen", sagt Wuppinger. Hier müssten sie sich deshalb einem "Brother" unterwerfen, der sie nicht nur beschützt, sondern oft auch auf den Strich schickt.
Unlängst hat in der Ullmannstraße wieder einmal einer durchgedreht. Er hat sein Messer gezückt und andere bedroht. "Es kommt vor, dass die Burschen verrückt werden", sagt Wuppinger: "Sie sehen, dass die Menschen hier schön angezogen sind, einen Wagen fahren und zum Arzt gehen. Doch wenn sie merken, dass sie das nie erreichen werden, fällt ihnen alles runter."

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