Der Fall Cheibani Wague

Er randalierte und sollte "gebändigt" werden, dann versagte plötzlich sein Herz. Der Tod des 33-jährigen Physikers Cheibani Wague wurde vergangene Woche von den Behörden zu schnell geklärt.

Vergangenen Dienstag hört Markus H., ein Anrainer des Heumarkts, laute Schreie. Es ist Mitternacht, von seinem Fenster aus sieht er hinüber in den Stadtpark. Er verfolgt eine Szene, die ihn zur Videokamera greifen lässt. Im Scheinwerfer eines Polizeiautos liegt ein Afrikaner völlig regungslos am Bauch. Er wird von neun Beamten zu Boden gedrückt. Man sieht, wie ein Sanitäter mit beiden Beinen und ein Polizist mit einem Bein auf dem Afrikaner stehen, während er sich mit der anderen Hand am Rettungsauto abstützt. Man sieht einen Notarzt, der mit beiden Händen in den Hosentaschen herumsteht. Man sieht einen Polizisten, der dem Mann die Füsse fesselt. Man erkennt, wie die Beamten den Mann wie ein erlegtes Tier an den Fußfesseln hochheben und mit dem Kopf nach unten auf eine Bahre legen. Dann fällt der Afrikaner von der Tragbahre auf den Boden. Er wird wieder hochgehoben und abermals mit dem Gesicht nach unten hingelegt. Die gefesselten Füße des Mannes hängen schlaff über der Trage. Nach einiger Zeit wird der Mann endlich umgedreht. Doch sein Kopf fällt leblos zur Seite. Endlich wird er in einen Krankenwagen geschoben. Angeblich soll er dort reanimiert worden sein. Vergeblich. Herzinfarkt, so erzählten einander am Montag die Behörden.

Was bedeuten diese Videobilder? Zeigen sie eine alltägliche, den Laien brutal anmutende Amtshandlung? Wurde hier ein tobender, leider herzkranker Mann fachgerecht zur Ruhe gebracht, damit er nicht mehr revoltiert? Oder hat Markus H. einen handfesten Skandal dokumentiert? Wieso muss der Gefesselte so lange mit dem Gesicht nach unten unter den Füßen von Rettungsleuten liegen, obwohl er sich doch gar nicht mehr bewegt? Schränkt das nicht seine Atmung ein? Ist das nicht durch einschlägige Richtlinien verboten? Warum rühren die Sanitäter und vor allem der Arzt keinen Finger, um dem Mann erste Hilfe zu leisten? Hat niemand bemerkt, dass der gerade noch Tobende offensichtlich bereits im Koma lag? Hätte man seinen Tod verhindern können?

"Ich hätte auf dem Video gerne einen Arzt gesehen, der etwas tut und nicht nur mit den Händen in den Hosentaschen zuschaut", sagt Alfred Kaff, der Chefarzt der Wiener Rettung, als ihm der Falter am vergangenen Freitag das Video vorspielte. Nur kurz nachdem er die Dokumentation des nächtlichen Einsatzes gesehen hatte, suspendierte Kaff alle am Einsatz beteiligten Mitarbeiter der Rettung und zeigte sie bei der Staatsanwaltschaft an. Wegen "Widersprüchen und Ungereimtheiten", wie Kaff es offiziell nennt. Glatt angelogen hätten ihn die Sanitäter und der Arzt, ärgerte er sich später. Sie hätten nicht einmal zugegeben, dass der Mann von der Bahre gefallen war.

Alarm auch im Innenministerium. Dort wird zwar im Gegensatz zur Gemeinde Wien nicht suspendiert, aber hektisch ermittelt. Zwei Ermittlern des Büros für interne Angelegenheiten (BIA) wurde bereits am Freitag vom Falter das Video überreicht. Seit Tagen wird nun die Frage zu klären versucht, ob die Polizei für den mysteriösen Tod eines Afrikaners im Wiener Stadtpark mitverantwortlich ist. Warum hatten die Uniformierten es zugelassen, dass sich Sanitäter mit beiden Beinen auf den Mann stellen, um ihn zu fixieren? Warum haben sie ihn an den Fußfesseln hochgehoben? Stimmt es, dass Beamte den Mann mit Faustschlägen traktiert haben? Haben die Schläge vielleicht zum Tod geführt?

Die Fahnder sichteten das Video stundenlang, befragten Zeugen und den Anrainer des Stadtparkes, der es aufgenommen hatte. Sogar die Sprecherin des Innenministers wurde einvernommen. Auch sie hatte den Vorfall von ihrer Wohnung am Heumarkt aus beobachtet. Sie will allerdings die entscheidenden Szenen nicht gesehen haben, weil ihr Einsatzfahrzeuge die Sicht verstellten. Ihr Mann war neugieriger, wollte sein Auto umparken und postierte sich neben die Beamten. Mit den Worten "Schleich dich, sonst kommst in den Häfen" wurde er von einem Uniformierten rüde weggewiesen. Sollte da ein unangenehmer Zeuge weggeschickt werden?

Vertreter der Black Community organisieren bereits Demonstrationen, weil sie vermuten, mit einem neuen Fall Omofuma konfrontiert zu sein. Im Mai 1999 starb ein nigerianischer Schubhäftling, nachdem ihm Beamte nach heftigem Toben den Mund verklebt und den Oberkörper bandagiert hatten. Im Innenministerium kann man sich nur zu gut an den Fall und das darauf folgende politische Erdbeben erinnern. Heute weist man alle Schuld von sich: "Da war doch ein Arzt anwesend, da kann man doch den Beamten keinen Vorwurf machen!", sagt ein hoher Beamter. Am Wochenende wurden jedenfalls Polizisten und Sanitäter ins Innenministerium zur Einvernahme zitiert. Ursprünglich wollte die Wiener Polizei den Fall aufklären. Doch der Innenminister hat den Fall an sich gezogen. Er habe, so verspricht es Rudolf Gollia, Sprecher des Generaldirektors für die öffentliche Sicherheit, nun "oberste Priorität". An Suspendierungen von Polizisten sei aber nicht gedacht. Die Ermittlungen gehen schleppend voran: Die Sanitäter und der Arzt, so verlautete aus Ermittlerkreisen, seien nicht zu den Einvernahmen im Innenministerium erschienen.

Der Tod des 33-jährigen Atomphysikers Cheibani Wague, so viel steht schon jetzt fest, wird nicht nur ein gerichtliches, sondern auch ein politisches Nachspiel haben. Die SPÖ kündigt bereits eine parlamentarische Anfrage an. Wieder erlitt ein randalierender Mensch vor den Augen von Beamten den Herztod. Diesmal wurde er allerdings nicht gefesselt und geknebelt, diesmal haben sich Sanitäter und Polizisten auf ihn draufgestellt, nachdem er mit Faustschlägen traktiert worden sein soll. Hat keiner der Einsatzkräfte bemerkt, dass unter ihren Füßen ein Mensch stirbt?

Bis vergangenen Freitag hatten die Behörden die näheren Hintergründe über den Tod im Afrikadorf offenbar zu vertuschen versucht. Sie streuten das Gerücht, Cheibani Wague sei unter Drogen gestanden. Der Chefarzt der Wiener Rettung hat diese Version in vertraulichen Gesprächen bereits dementiert. Über den nächtlichen Einsatz am Heumarkt wurde er von seinen Mitarbeitern ebenso falsch informiert wie die Ermittler der Wiener Polizei. Karlheinz Ruiss, Leiter des Kommissariats Zentrum-Ost, wollte es am Donnerstag noch ausschließen, dass Sanitäter und Beamte auf einem Menschen standen. "Das ist unmöglich, das wäre viel zu gefährlich", so Ruiss. Und überhaupt: Der Afrikaner habe ja bis zum Schluss randaliert. Als er ins Koma fiel, habe man - so die Version von Rettung und Polizei - sofort lebenserhaltende Maßnahmen gesetzt.

Das sieht man auf dem Video jedenfalls nicht. Im Gegenteil: In den letzten Minuten regte sich der Afrikaner überhaupt nicht mehr. Ein Sanitäter fährt sich sogar lässig durchs Haar, während er auf dem Gefesselten steht. Ein anderer marschiert gemütlich auf und ab. Der Arzt interessiert sich kaum für den Afrikaner.

Was ist vor diesen Szenen passiert? Wieso lag der Mann überhaupt mit dem Gesicht nach unten auf der Straße? Und wer war er? Der mauretanische Atomphysiker Cheibani Wague hatte einst in Russland studiert und lebte schon seit Jahren in Wien. Er ist unbescholten, war mit einer Österreicherin verheiratet und jobbte im Afrika-Kultur-Dorf im Stadtpark als Führer und Nachtwächter. Bilder zeigen ihn mit Kindern beim Trommeln. Davor arbeitete er als Billeteur im Apollo-Kino und als Krankenpfleger. Freunde beschreiben ihn als sensiblen und ruhigen Menschen. In der frühen Nacht des 16. Juli attackiert Wague jedoch plötzlich seinen Chef, den Kärntner Erfried Malle, und einen anderen Afrikaner mit einer Taschenlampe. "Ich habe mich wirklich bedroht gefühlt", sagt Malle, Mitorganisator des Afrika-Dorfes. Der Grund für den Streit ist unklar. Manche munkeln über Geldstreitigkeiten, andere von privaten Problemen. Malle flüchtet mit seiner Frau ins Auto, sperrt sich ein und alarmiert Rettung und Polizei. Zwei Zeugen schildern, Wague sei plötzlich "wie ein Wahnsinniger" mit einem Einkaufswagen auf das Auto losgegangen. In diesen Momenten, vermutet die Gerichtsmedizin, könnte Wague seinen Herzinfarkt erlitten haben. Bemerkt dürfte er davon nichts haben. "Ich habe um mein Leben gefürchtet", schildert Malle die wilden Attacken des Afrikaners. Der Kärntner versucht wegzufahren. Wague hält sich an der Autoschnalle fest und reißt sie dabei ab. Keiner weiß zu diesem Zeitpunkt, wieso der Mauretanier so brutal reagiert. Hat er Drogen genommen? Ist er psychisch krank? Ist er in eine Psychose gerutscht?

Wague beruhigt sich wieder. Es erscheinen Polizei und Rettung. Die Beamten, so schildern es alle Zeugen, bleiben vorerst professionell und ruhig. Wague musste sich plötzlich ausziehen und wieder anziehen. Vermutlich wurde er nach Waffen und Drogen durchsucht. Ein älterer Afrikaner, der auch im Afrika-Dorf arbeitete, versucht Wague zu beruhigen - und umarmt ihn. Die Deeskalation wird von den Beamten nicht gern gesehen. "Plötzlich haben sie mich in einem ziemlich strengen Ton weggeschickt", erinnert sich Wagues Kollege. Die Situation eskaliert wieder. Wague beginnt mit einem Beamten zu raufen. Er ist unbewaffnet, doch ziemlich aggressiv. Ein Beamter stürzt zu Boden. "Trotz der Rauferei erschien mir das Vorgehen der Polizisten kontrolliert", erinnert sich Erfried Malle. Wague wird mit Handschellen gefesselt und in einen Krankenwagen geschoben. Er soll in das psychiatrische Spital auf der Baumgartner Höhe eingeliefert werden. "Ich will dort nicht hin! Ich will dort nicht hin!", schreit er. Dann springt er aus dem Rettungswagen und tobt wieder "wie verrückt" (Malle).

Plötzlich scheint die Amtshandlung zu entgleiten. Die Polizisten fixieren den Mann auf dem Boden, drücken sein Gesicht so fest in den Asphalt, dass ihm Blut aus Nase und Mund rinnt. Sie beginnen - so bezeugt es Malle - mit Fäusten auf ihn einzuschlagen. Aus dem Zeugenprotokoll: "Ich nahm wahr, dass der mit dem Bauch am Boden festgehaltene Wague sich zu wehren versuchte, und da er das tat, brüllte einer der Polizisten:, Du Sau du, gibst noch immer keine Ruhe, hey!?'" Der brüllende Polizist habe Wague "mit der geballten Faust mindestens zweimal auf den Hinterkopf", ein anderer Polizist "fünfmal in den oberen Rückenbereich" geschlagen. Zwei Rettungsmänner und fünf Polizisten standen daneben.

Dem Afrikaner wird eine Dosis Haldol, ein Beruhigungsmittel, gespritzt. Normalerweise dauert es rund zwanzig Minuten, bis das Medikament wirkt. Kurz danach muss Markus H. seine Videokamera eingeschaltet haben. Rund sieben Minuten sieht man auf dem Video den Afrikaner nun unter den Füßen von Polizisten und Sanitätern liegen. Sieben Minuten unternimmt der Arzt nichts. Erst im Rettungswagen wird versucht, den Mann wieder zu beleben. Im Spital versuchen die Ärzte bis in die Morgenstunden, Wague mit Elektroschocks zurück ins Leben zu holen. Vergeblich. Das Herz des Mannes schlägt zwar noch, doch es transportiert kein Blut mehr. "Die haben ihn zugerichtet", sagt ein Arzt später zum Falter. Nähere Auskünfte erteilt er nicht. Auf der Gerichtsmedizin wurde vom Vorstand des Instituts für alle Ärzte Sprechverbot verhängt.

Hätte der Notarzt mit mehr Engagement den Mann retten können? Wäre all das passiert, wenn Wague nicht so am Asphalt fixiert worden wäre? Oder ist alles nur ein schrecklicher Zufall? Cheibani Wague, so hört man aus Polizeikreisen, habe Tabletten für sein krankes Herz genommen. Die Amtshandlung sei für ihn einfach zu viel gewesen. Ein Gerichtsmediziner sagt zum Falter: "Die Afrikaner schauen sehr gesund aus, manche haben aber versteckte Krankheiten und schwache Herzen." Merkwürdig: Die Witwe schildert ihren verstorbenen Ehemann als athletischen, gesunden, kräftigen Menschen.

Ein Blick ins Archiv: Erst im Herbst des vergangenen Jahres kam der 24-jährige Frans S. ums Leben, nachdem sich Polizisten auf ihn gekniet hatten. Der Bursche schnappte um Luft, dann lief er blau an und verstarb. Die Wiener Gerichtsmedizin stellte als Todesursache "Herz-Kreislauf-Versagen, ausgelöst durch das Ausschütten von Stresshormonen" fest. Ende Juni wurde der Fall von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Wäre es nach der Wiener Gerichtsmedizin gegangen, wäre selbst der Fall Omofuma eingestellt worden. Auch hier wurde zunächst unerwarteter Herztod diagnostiziert. Erst ein deutscher Rechtsmediziner musste die heimischen Weißkittel vor versammelter Öffentlichkeit darüber informieren, dass ein tobender Mensch sterben kann, wenn man ihn am Atmen hindert.

Hat die Polizei aus diesen Fällen nichts gelernt? Der Wiener Gerichtsmediziner Wolfgang Denk hat sich jedenfalls der Problematik angenommen und geforscht. Sein Ratschlag an die Exekutive wurde in Fachzeitschriften publiziert: "Ein längeres Verweilen bzw. ein Transport in Bauchlage und mit am Rücken angelegter Fixierung der Arme und Beine ist potenziell lebensgefährlich", schreibt Denk. Es komme zur Behinderung des Blutflusses, zum Verschluss der Atemwege und zur Beeinträchtigung der Herzfunktionen. Denn: "Das Verbringen des Täters in Bauchlage zur Fixierung (...) schwächt Atmung und Kreislauf, sollte daher nur kurzfristig angewendet werden." Auch der deutsche Mediziner Claus Metz warnt seit Jahren vor Amtshandlungen, bei denen Menschen unnötig lange zu Boden gedrückt werden. Das Vorgehen der Wiener Behörden hält er für unverantwortlich: "Die Menschen zucken in Atemnot, und das wird als Widerstand gedeutet." Metz vermutet hinter solchen Praktiken den polizeilichen Ehrgeiz, den Willen der Leute zu brechen. "Warum soll sich so ein Mensch nicht am Boden krümmen, bis er erschöpft ist?", fragt Metz. Auch in psychiatrischen Krankenhäusern käme ja niemand auf die Idee, "einen psychisch kranken Menschen wie ein Großwildjäger zu bezwingen".

So ähnlich sehen es auch andere Polizeidienststellen. Bereits im Jahr 1992 brachte die International Association of Chiefs of Police einschlägige Richtlinien für tobende Menschen heraus. Neue Forschungen hätten damals "ein völlig neues Verständnis der plötzlichen Todesfälle ergeben", so die US-Behörden. "Wenn es notwendig ist, Körpergewicht von Beamten zur Verhaftung eines Menschen einzusetzen, dann muss der Verhaftete so schnell wie möglich wieder davon befreit werden, damit er frei atmen kann", schreiben die amerikanischen Ausbildungsrichtlinien vor. Und die deutschen Cops werden von höchster Steller ermahnt, "dass es tödliche Folgen haben kann, wenn ein Festgenommener nach Aufgabe seines Widerstands in der Festnahmeposition bäuchlings auf dem Boden fixiert bleibt und zusätzlich noch niedergedrückt wird oder gar mit Unterschenkel oder Knie im Brustwirbelbereich gehalten wird". Dadurch werden nämlich "das freie Durchatmen und die notwendige Sauerstoffaufnahme eingeschränkt".

Cheibani Wague wurde nach seinem Anfall nicht nur minutenlang auf den Bauch gelegt, mit Knien festgehalten und mit Füßen getreten. Man warf ihn sogar gefesselt - Kopf nach unten - auf die Tragbahre. Die Beamten, so versicherte Polizeichef Karlheinz Ruiss bereits am Freitag im Kurier, "haben sich nichts vorzuwerfen". Aus dem Fall Omofuma, so scheint es, haben sie alle nichts gelernt.


Drei Jahre nach diesem Bericht im "Falter" wurden der Arzt und
zwei Polizisten verurteilt


Kommentare

Sge Herr Klenk!
Der Fall "Wague" ist mittlerweile zwar einige Jahre her und gab es hier auch rechtskräftige Urteile in 2 fällen (wegen fahrlässiger tötung), aber könnten sie nicht irgendwann mal hier berichtigen, dass die angaben des (damaligen) afrikadorfleiters malle hinsichtlich der angeblichen faustschläge durch die polizisten nicht stimmen, sondern einfach erlogen sind? wussten sie nicht, dass malles diesbezügliche angaben schon durch das video widerlegt wuren, und er deshalb auch wegen verleumdung angezeigt wurde? (das verfahren wurde jedoch aus mir nicht bekannten gründen eingestellt)

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