“Niemand hat sich bei mir entschuldigt“
Er träumte vom Paradies und wurde von vier Wiener Polizisten gefoltert. Zum ersten Mal spricht der Afrikaner Bakary J. über das Leben nach der Folter
(mit Nina Horaczek für den Falter)
Ein klappriger Ford biegt um die Ecke, darin sitzt der Afrikaner Bakary J. “Steigen Sie ein“, sagt er und fährt den Wagen in eine Gemeindebausiedlung am Rande Wiens. Der 38-Jährige lebt in Simmering, im Herzen des roten Wien.
Vor der Wohnanlage blüht der Flieder, die Sozialbauten sind gepflegt. In einem rosa Kinderzimmer lebt seine neunjährige Tochter, daneben sein zwölfjähriger Sohn, beide sind in Wien auf die Welt gekommen. An den Wänden der Wohnung hängen Hochzeitsfotos aus Gambia, daneben das Bild eines Elefanten. “Es ist wie im Dorf hier“, sagt Bakary J., er wirkt, als wäre er irgendwie doch heimisch geworden.
Dabei will ihn der Staat hier gar nicht sehen. Seine Kinder haben kein Recht auf ihren Vater. Bakary J. hat ein Aufenthaltsverbot, weil er vor etwa zehn Jahren wegen Drogenbesitzes verurteilt wurde und 15 Monate im Gefängnis saß. Als Polizisten ihn 2006 abschieben wollten, die Abschiebung aber abbrechen mussten, folterten sie ihn in einer Lagerhalle.
Der Falter brachte den Skandal damals ans Licht. Obwohl sie dem Afrikaner die Schädelknochen brachen, wurden die Beamten zu milden acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Erst vergangenen Monat wurden drei der vier Polizisten entlassen. Eine Disziplinaroberkommission im Bundeskanzleramt, genannt “barmherzige Brüder“, hatte sie gedeckt (siehe Falter 12/12). “Eine Schande“ nannte Wiens Polizeipräsident Gerhard Pürstl den Fall.
Die Polizisten wurden entlassen, aber bei Bakary J. hat sich kein Innenminister entschuldigt. “Er ist ein Drogendealer“, sagte die mittlerweile verstorbene Innenministerin Liese Prokop (ÖVP). Seit über sechs Jahren wartet Bakary J. auf eine Geste des Staates. Er will hierbleiben. Bei seiner Familie, bei seinen Kindern. Seine Ehefrau Michaela ist auch beim Interview dabei, spricht gemeinsam mit ihrem Mann über ihre unsichere Situation.
Es ist das erste Mal, dass Bakary J. öffentlich über seinen ambivalenten Fall spricht. Es ist das Schicksal eines Auswanderers. Es ist keine Heldengeschichte, sondern die widersprüchliche Vita eines Mannes, der das Paradies suchte, Gefängnis und Folter erlebte und auf ein glückliches Ende seiner Odyssee hofft.
Falter: Wo wollen wir Ihre Geschichte beginnen? In Ihrer Heimat Gambia?
Bakary J.: Gerne. Ich wurde 1973 in Jambur geboren, einem kleinen Dorf, 18 Kilometer von der Hauptstadt Banjul entfernt. Wir waren eine große Familie. Großeltern, Eltern, Kinder, Onkel und Tanten lebten bei uns alle gemeinsam. Meine Mutter schenkte sieben Kindern das Leben, und die zweite Frau meines Vaters hat noch einmal so viele.
Waren Ihre Eltern arm?
Bakary J.: Nein. Wir waren nicht reich, aber wir hatten immer genug, niemand musste hungern. Meine Eltern sind Bauern. Die Männer bauen Erdnüsse an, die Frauen Reis. Wir Kinder haben auch immer zeitig in der Früh die Felder gegossen und nach der Schule mitgeholfen.
Ihre Eltern schickten Sie zur Schule?
Bakary J.: Ich war ein ausgezeichneter Schüler. Deshalb habe ich ein Stipendium für eine der besten Schulen des Landes gekriegt. Ich wollte Lehrer werden. Doch daraus wurde nichts. Ich bin stattdessen in den Staatsdienst gegangen, habe für den Secret Service am Flughafen Banjul gearbeitet.
Warum haben Sie ihre Heimat verlassen?
Bakary J.: 1994 putschte in Gambia das Militär. Ich setzte keine Hoffnung mehr in mein Land und wanderte in den Senegal aus. Ich wollte weg, nach Europa. Damals war es noch leicht, aus Afrika wegzukommen. Ich bezahlte 300 Dollar, und schon hat uns ein Schiff nach Italien mitgenommen.
Sie waren einer dieser Flüchtlinge, die auf klapprigen Booten ausreisten?
Bakary J.: Nein. Ich reiste auf einem Containerschiff. Wir hatten sogar eigene Kabinen zum Schlafen. Nach ein paar Tagen sind wir in Genua von Bord gegangen. Die italienischen Zöllner dachten, wir gehörten zur Crew, und haben uns nicht kontrolliert.
Was dachten Sie, als Sie in Italien ankamen?
Bakary J.: Ich träumte ja vom Paradies. Doch ich bin den ganzen Tag in Genua herumgeirrt. Schließlich habe ich einen Senegalesen getroffen, der schon länger in Italien war. Er sagte: “Steig in den Zug, fahr nach Graz. In Italien kriegst du gar nichts.“ Ich nahm den Zug, und als der Zöllner kam, versteckte ich mich im Abteil unter dem Bett und wartete. So gelangte ich 1997 nach Graz. Dort stellte ich einen Asylantrag.
Was haben Sie hier erwartet?
Bakary J.: Wir dachten, dass man uns hier willkommen heißen wird. Dass wir auf dem Kontinent der Menschenrechte sein werden. Dass man sich um uns kümmern wird. Dass wir arbeiten können und Geld verdienen, vielleicht sogar eine Familie gründen. Doch zunächst musste ich in Graz in einem Obdachlosenheim schlafen. Morgens wurden wir rausgeschmissen, abends durften wir wieder hinein. Den ganzen Tag lungerten wir auf der Straße herum. Ich habe versucht, Österreicher kennenzulernen, aber die meisten waren abweisend. Wenn Sie als Fremder nach Gambia kommen, möchte jeder Sie sofort kennenlernen, jeder würde Sie begrüßen und mit Ihnen plaudern. 1997 bin ich zurück nach Gambia.
Warum?
Bakary J.: Es gab eine große Amnestie, die Regierung versprach einen Neubeginn im Land. Ich habe mir gedacht, das wäre auch für mich eine Chance. Aber kurz vor meiner Rückkehr hatte ich noch eine Affäre. Es war nur eine Nacht, aber sie änderte mein Leben. Diese Frau sitzt jetzt neben mir. Sie wurde meine Frau.
Michaela J.: Ich habe ihn einige Wochen nach unserem Pantscherl in Gambia angerufen und ihm gesagt, dass ich schwanger bin.
Bakary J.: Deswegen bin ich wieder nach Wien zurück. Eine Bekannte von uns hat damals für mich gebürgt, damit ich bei der Geburt meines Sohnes hier sein konnte. Nach wenigen Monaten musste ich aber wieder ausreisen.
Michaela J.: Wir haben uns das nicht vorstellen können: eine Familie zu sein. Aber wir haben uns gemeinsam um unser Baby gekümmert und uns dabei ineinander verliebt. Wir haben geheiratet, und drei Jahre später kam unsere Tochter zur Welt.
Ein weniger schönes Thema in Ihrem Leben sind Ihre Verhaftungen wegen Drogenhandels.
Bakary J.: Zum ersten Mal kam ich 1997 einen Monat in Untersuchungshaft und erhielt eine Vorstrafe. Im Jahr 2001 wurde ich noch einmal verhaftet und saß sieben Monate in Untersuchungshaft. Dann stellte sich heraus, dass eine Verwechslung vorlag und ich unschuldig war, und ich wurde sofort aus der Haft entlassen.
Viele Afrikaner dealten auf Wiens Straßen mit Drogen. War das eine Mafia, wie die Polizei und der Boulevard damals beteuerte?
Bakary J.: Ich glaube nicht, dass die Leute durch den Drogenhandel reich wurden. Die Situation, in der sich viele von uns befanden, ließ sie zu Dealern werden. Stellen Sie sich vor, es ist Winter, es ist eiskalt und man hat keinen Schlafplatz, nichts zu essen, kein Geld und keine Möglichkeit, zu arbeiten. Heute sehen Sie weniger dealende Afrikaner. Warum? Weil die meisten einen Job haben. Entweder hier oder sie sind weitergezogen, nach England oder Amerika.
Einige Jahre später mussten Sie erneut ins Gefängnis. Sie sollen im großen Stil gedealt haben und erhielten zwei Jahre Haft.
Bakary J.: Ich habe immer ganz legal gearbeitet, zuerst als Botenfahrer, dann als Marktfahrer. Nebenbei habe ich Containertransporte nach Afrika organisiert. Ein einzelnes Paket hinunterzuschicken ist wahnsinnig teuer. Deswegen organisieren Afrikaner in Wien gemeinsam Container und teilen sich die Transportkosten. Die Leute haben ihre Sachen zu mir gebracht und ich habe alles organisiert. Damals hat ein Typ einen kleinen Koffer vorbeigebracht und gesagt, er will den nach Afrika schicken …
Michaela J.: Für mich brach die Welt zusammen. Damals standen zehn Polizisten vor der Tür. Ich hab sie reingelassen und war noch ein bisschen goschert, weil ich sicher war, dass die nichts finden werden. Dann knallte mir die Polizei die Drogen auf den Tisch. Und ich dachte, mein ganzes Leben bricht zusammen.
Bakary J.: Der Richter hat mich wegen Drogenbesitzes zu zwei Jahren Haft verurteilt, 15 Monate saß ich ab. Damals kam mein Sohn in die Schule. Wir haben versucht, dass das Leben für unsere Kinder trotz der Haft möglichst normal weitergeht. Jedes zweite Wochenende, wenn ich Ausgang hatte, habe ich am Freitag mit meiner Frau unseren Sohn vom Hort abgeholt.
Ihre Familie zerbrach nicht, das ist ungewöhnlich.
Michaela J.: Als Bakary in der Untersuchungshaft saß, bin ich sogar mit den Scheidungspapieren hinmarschiert. Wir waren durch eine Scheibe im Besucherraum getrennt. Da habe ich dem Wärter gesagt, er soll meinem Mann die Scheidungspapiere geben. Aber der Wärter sagte, ich soll meine Papierln nehmen und gehen. Danach habe ich mich beruhigt und gedacht, ich rede noch einmal mit ihm. Bakary war immer ein guter Ehemann und ein toller Vater. Es gibt so viele Männer, die sich nicht um ihre Kinder kümmern. So war er nie. Ich hielt ihm die Treue.
Es folgte der 7. April 2006, ein Datum, das heute noch den Polizeipräsidenten beschäftigt.
Bakary J.: Wenige Tage zuvor, am 31. März, brachten mich Polizisten von der Justizanstalt in die Schubhaft. Die Behörden erklärten, meine Ehe sei zerrüttet, deshalb werde ich abgeschoben.
Michaela J.: Ich stand damals mit unserer dreijährigen Tochter vor dem Gefängnistor. Bakary und ich haben am Vortag noch ausgemacht, dass ich ihn mit der Kleinen abhole. Nach einer Stunde kam ein Beamter zu mir und sagte, ich brauch nicht zu warten, mein Mann ist in Wien in Schubhaft.
Bakary J.: Dort war ich eine Woche. Am 7. April wurde ich ohne Vorankündigung zeitig in der Früh geweckt. Drei Polizisten fuhren mit mir zum Flughafen. Sie begleiteten mich zum Flieger und ich sagte zum Kapitän: “Ich habe eine Frau und zwei Kinder in Österreich und konnte mich nicht einmal verabschieden.“ Der Pilot weigerte sich, mich an Bord zu nehmen. Die Polizisten haben mich ins Polizeiauto gesetzt und sind losgefahren. Der Polizist neben mir sagte: “Du Motherfucker bist ein toter Mann. Wir haben den Befehl, dich zu töten.“
Hatten Sie Angst?
Bakary J.: Nein, ich dachte, der spinnt und will mir Angst einjagen. Dann haben sie begonnen, auf Wienerisch zu reden, und dauernd telefoniert. Wir sind dann bei der Simmeringer Haide abgefahren und von dort weiter bis vor das Lusthaus im Prater. Dort schrie der Fahrer aggressiv ins Telefon. “Wir haben keine Zeit!“ und “Wo bist du?“, brüllte er. Dann fuhren sie zur Wehlistraße in die Lagerhalle. Dort bekam ich zum ersten Mal Angst.
Dort wartete, wie das Gericht später feststellte, bereits ein vierter Beamter.
Bakary J.: Er hatte das Tor aufgesperrt. Die Halle war so unglaublich riesig, da gab es sogar Schienen für Züge, so groß war die. Der Boden war aus Beton und total staubig, die Decke aus Glas. Ich war im Polizeibus eingesperrt, die Polizisten waren alle verschwunden. Nach fast zehn Minuten kamen sie zurück. Sie trugen dicke Handschuhe und Sturmmasken. Nur der Fahrer, der hatte seine Maske nicht über das Gesicht gezogen. Einer der Polizisten öffnete die Autotür und sagte: “Kennst du Hitler?“ Ich sagte: “Nein, aber ich habe gehört, er hat sechs Millionen Juden getötet.“ Darauf sagte der Polizist: “Du bist die Nummer sechs Millionen und eins. Ich hasse Schwarze und Juden.“ Er riss mich an der Hand aus dem Wagen. Ich kniete vor den Polizisten, ich bettelte um mein Leben. Ich bat sie, mich zu verschonen. Aber sie sagten Nein. Niemals. Dann kamen die Schläge und die Tritte, von überall, von allen Seiten. Sie prügelten so lange auf mich ein, bis ich flach am Boden lag. Sie zogen ihre Pistolen und sagten: “Schließ deine Augen und sprich dein letztes Gebet.“ Ich musste mich hinknien. Ich sah, wie einer mit dem Auto auf mich zufährt. Dann wurde ich bewusstlos.
Das Gericht wird später von Scheinexekutionen sprechen. Die Beamten gestanden all das, was Sie hier erzählen. Sogar, dass man Sie mit dem Auto angefahren und dabei schwer verletzt hatte. Aber was danach geschah, ist nahezu unbekannt.
Bakary J.: Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden und die Polizisten sprachen miteinander. Nur der vierte Polizist hat nicht geschlagen, der stand etwas abseits und hat zugesehen.
Dieser Polizist ist bis heute im Polizeidienst.
Bakary J.: Ich verstehe das nicht. Er hatte die Halle aufgesperrt, er hatte den anderen die Möglichkeit gegeben, mich zu foltern, ja, er hatte sogar einen Obdachlosen, der in dieser Halle wohnte, fortgeschickt. Dieser Polizist war genauso schuldig. Auch das Gericht sah es so.
Was ist dann passiert?
Bakary J.: Die Polizisten trugen mich in den Polizeibus und einer sagte zum Fahrer: “Fahr schneller, besser, er stirbt im Spital.“ Sie brachten mich in die Notaufnahme des AKH. Ich weinte vor Schmerz. Ich bekam eine Halskrause und Medikamente. Als wir zurück in die Schubhaft fuhren, schnappte mich ein Polizist am Genick, riss mir die Halskrause herunter und warf sie aus dem Fenster. Im Schubhaftgefängnis traten mich die Wärter und Polizisten die Stufen hinauf. Ich kam in eine Einzelzelle. Da gab es ein Bett aus Beton, das WC war in den Boden eingelassen, alle Fenster waren zu und das Licht brannte 24 Stunden.
Die sogenannte Absonderungszelle?
Bakary J.: Ja. Eine Woche wurde ich dort eingesperrt. Erst als Manfred Nowak, der damalige UN-Sonderberichterstatter für Folter, von Amnesty International über meinen Fall informiert wurde und mich in der Schubhaft besuchte, kam ich in eine normale Zelle.
Wurden Sie in der Schubhaft medizinisch behandelt?
Bakary J.: Der Polizeiarzt sagte zu mir: “Du hast Polizisten geschlagen. Du kriegst keine Medizin.“ Die Polizisten, die mich gefoltert hatten, haben ja behauptet, ich hätte versucht zu fliehen und sie geschlagen. Die prügelnden Polizisten waren übrigens immer dabei, wenn mich der Amtsarzt untersuchte. Sie brachten eine Falschanzeige wegen Körperverletzung und Widerstands gegen die Staatsgewalt gegen mich ein. Alle hielten zusammen. Meine Frau durfte ich nicht anrufen.
Michaela J.: Ich wusste gar nicht, was los war. Ich hatte ja nur gehört, dass er im Flugzeug nach Gambia war. Als wir am Abend in Gambia anriefen, hieß es, dort sei er nicht angekommen. Ich bin dann auf Verdacht in die Schubhaft gefahren. Dort habe ich meinen Mann mit total zugeschwollenem Gesicht vorgefunden. Die Kinder waren schockiert, als sie ihren Papa so sahen. Ich habe dann schnell mit dem Handy Fotos von seinem Gesicht gemacht und den Anwalt informiert.
Es sind die Fotos, die später überall gedruckt wurden.
Bakary J.: Es gibt noch viel schlimmere im Akt. Es dauerte zweieinhalb Monate, bis die Ärzte endlich feststellten, dass meine Schädelknochen gebrochen waren. Endlich traf ich auf einen guten Arzt im Allgemeinen Krankenhaus. Er war der Erste, der die Polizisten aus dem Untersuchungsraum schmiss und eine Computertomografie von meinem Kopf anordnete. Die Knochen in der Stirnhöhle, der Augenhöhle und das Jochbein waren gebrochen. Der Arzt sagte mir, ich hätte großes Glück gehabt. Hätten sich die Schädelknochen auch nur wenige Millimeter verschoben, wäre ich tot gewesen.
Wurden Sie für Ihre Schmerzen und die Verletzungen entschädigt?
Bakary J.: Nein, ich habe keinen Cent bekommen. Nicht einmal die Therapiekosten hat der Staat ersetzt. Im Gegenteil, meine Therapeutin unterstützt uns auch noch. Sie hilft uns aus, damit wir überleben können. Ich darf ja noch immer nicht arbeiten, also muss die ganze Familie von dem Teilzeitgehalt meiner Frau leben. Bis heute habe ich kein Visum.
Michaela J.: Es zehrt an den Nerven, dass ich seit sechs Jahren nicht weiß, ob mein Mann hier leben darf. Wir können nicht einmal auf Urlaub fahren. Letzten Sommer war ich mit den Kindern ein paar Tage in Kroatien. Der Papa blieb alleine zu Hause.
Warum?
Bakary J.: Wenn ich ausreise, lässt man mich nicht mehr zurück nach Österreich.
Es war ein dreistündiges Gespräch – auch über das Systemversagen, die Kameraderie und das Wegschauen. Bakary J. rang mit Tränen, immer wieder unterbrachen wir das Interview.
Der von den Nazis gefolterte Schriftsteller Jean Améry kommt einem in den Sinn: “Ich weiß also nicht, ob die Menschenwürde verliert, wer von Polizeileuten geprügelt wird. Doch ich bin sicher, dass er schon mit dem ersten Schlag, der auf ihn niedergeht, etwas einbüßt, was wir vielleicht vorläufig das Weltvertrauen nennen wollen. (…) Wer der Folter erlag, kann nicht mehr heimisch werden in der Welt.“
Nach dem Gespräch startet er seinen kFord und fährt seine Gäste zurück zur U-Bahnstation. Ob er heute, sechs Jahre nach den Folterungen, Angst vor der Polizei hat? Er sagt: “Das letzte Mal, als ein Polizist meinen Führerschein kontrollierte, sagte er nur zu seinem Kollegen: ‚Lass den in Frieden.‘“
Zur Person
Bakary J. wurde 1973 in Gambia geboren und kam 1997 nach Österreich. 2006 brachten vier Polizisten den Afrikaner in eine verlassene Lagerhalle und folterten ihn.
Mit dem Falter spricht er erstmals ausführlich über sein Leben in Afrika, die traumatischen Erlebnisse im April 2006 und seine Angst, aus Österreich abgeschoben zu werden und seine Familie zu verlieren
Ehepaar Michaela und Bakary J.: Nach der Folter die Verbannung?
Der Falter berichtete zum ersten Mal im April 2006 über den von Polizisten gefolterten Schubhäftling (Falter 16/2006). “War Bakary J. der Erste, der misshandelt wurde – oder nur der Erste, der sich wehrte?“, fragte Amnesty International-Chef Heinz Patzelt damals
Im September 2006 wurden drei der Polizeibeamten wegen “Quälens eines Gefangenen“ zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt, der vierte sechs Monate auf Bewährung. Die verurteilten Polizisten wurden von ihren Kollegen mit Geld aus dem “Sozialfonds“ der Polizei-Sondereinheit WEGA unterstützt. Der Staatsanwalt verzichtete auf eine Berufung gegen das milde Urteil. Der damalige Sprecher der Anklagebehörde, Gerhard Jarosch, nannte das “eine Sauerei“


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