Fall Kampusch: das Versagen der Medien
Die Justiz hat sich der internationalen Evaluation gestellt. Und was ist mit den Journalisten und ihren Zuträgern?
(Für Falter)
Es war ein erfrischend professioneller Auftritt, den Jörg Ziercke, der Chef des Deutschen Bundeskriminalamts, da vergangenen Montag hinlegte.
In einem Hintergrundgespräch mit Journalisten im Großen Festsaal des Innenministeriums fasste er die vom Nationalrat beauftragte Evaluation der Kampusch-Ermittlungen durch seine Behörde und das FBI kurz und bündig zusammen.
Erstens: Der Entführer Wolfgang Priklopil war ein Einzeltäter.
Zweitens: Er wurde nicht ermordet, sondern legte sich selbst aufs Gleis.
Drittens: Jene Zeugin, die einen zweiten Täter gesehen haben will, hat sich geirrt. Es gebe für ihre Behauptungen keinen einzigen objektivierbaren Beweis, sondern eher entlastende Indizien.
Viertens: Die vermeintlichen Spuren in die Sadomaso-Szene gibt es nicht.
Fünftens: Auch eine Verschwörung “von oben“, um einen Kinderschänderring zu decken, ist Schwachsinn.
Es ist ein klares Signal, das Ziercke da einigen Herrschaften, darunter ein paar Honoratioren der Republik, übermittelt: Ihr habt euch verirrt.
Kein Kontrollversagen, sondern ein Versagen der Kontrollore ist da offengelegt worden: Der ehemalige Präsident des Obersten Gerichtshofs, der ehemalige Präsident des Verfassungsgerichtshofs, der ehemalige Chef des Bundeskriminalamts – sie alle liefen zu Journalisten und zu Politikern und streuten in Interviews und per Anzeigen die wildesten Gerüchte und Anschuldigungen.
Und zwar nicht nur gegen Polizisten, denen ex post betrachtet einige kleine Fehler unterliefen. Diskreditiert wurden die Eltern von Natascha Kampusch, der Freund von Wolfgang Priklopil sowie das Opfer selbst.
Wer weiß, ob sie wirklich die Wahrheit sagt? Wer weiß, ob sie nicht Geld verdienen will mit einer erfundenen Geschichte? Wer weiß, ob sie nicht ein Kind versteckt?
Die Zeit in Gefangenschaft, so schwadronierte Ex-VfGH-Präsident Ludwig Adamovich, sei “womöglich allemal besser gewesen“ als das, was Kampusch bei ihren Eltern erlebt habe. Und der Opferschutz, so setzte der konservative Johann Rzeszut (Ex-OGH-Präsident) nach, sei von den roten Staatsanwälten völlig übertrieben worden.
Der deutsche Kripochef Jörg Ziercke blieb angesichts solcher Ansagen betont diplomatisch. Die pensionierten Gerichtspräsidenten hätten (in ihrer Funktion als Mitglieder einer Kampusch-Sonderkommission) “ihre besondere Verantwortung gespürt. Und das muss man schon einmal anerkennen.“
Das ist nett formuliert, geht aber an der Sache vorbei. Man darf schon auch einmal die Frage stellen, ob es die “Kontrollore“ in dem Fall nicht auch ordentlich übertrieben haben. Und man kann sich fragen, ob wir Medien in diesem Fall unserer Verantwortung wirklich gerecht wurden – oder ob wir den hochrangigen Skandalisierern im blinden Vertrauen aus der Hand fraßen, anstatt die Glaubwürdigkeit der Vorwürfe zu überprüfen.
Nicht nur der Boulevard hat sich da ordentlich vereinnahmen lassen, sondern auch so manches Qualitätsblatt.
Der Fall Kampusch, und auch das könnte einmal in einem Evaluationsbericht festgehalten werden, ist auch ein Sittenbild einer desorientierten Medienlandschaft, die das Enthüllen von Missständen mit dem Aufdecken der Bettdecke eines Vergewaltigungsopfers verwechselte.
Man hat es längst vergessen: Eva Dichands Journaille hat sogar Natascha Kampusch beim Küssen aufgelauert. Sogar das Protokoll mit dem Amtsarzt fand den Weg in die Medien.
Diese Hatz nahm am Tag von Natascha Kampuschs Flucht ihren Ausgang. Da wurde sie zum ersten Mal an die Medien verkauft. Von der Republik.
Mit einer Decke über dem Kopf hatten die Beamten sie an den Pressefotografen vorbeigeführt. Die Polizei wollte den gelösten Kriminalfall wohl ein bisschen inszenieren.
Aber jeder Polizeipressesprecher muss wissen, dass solche Bilder einen Run auf den Menschen unter der Decke auslösen (deshalb gab es bei den Fritzls solche Bilder nicht mehr).
Dem nicht genug: Jene Beamtin, die Kampusch erstmals verhörte, wurde auch noch ins Fernsehen geschickt, um dort Intimitäten auszuplaudern.
Der Staat lieferte Kampusch aus. Und die Medien gierten nach mehr. Kampusch vertraute den Journalisten, die sie aber nur vom Ö1- und Standard-Konsum im Keller kannte.
Kampusch und ihre Berater übersahen, dass man mit “den Medien“ keine Geschäfte machen kann. “Die Medien“ halten sich an keine Deals.
Und weil es keinen Täter mehr gab, an dem sich die Presse abarbeiten konnte, mussten andere Schuldige her: der schrullige Freund Priklopils, die vertuschenden Staatsanwälte, gewalttätige Eltern und das “geschäftstüchtige“ Opfer selbst.
Diese zynische Skandalisierungsindustrie fand wertvolle Zuarbeiter: Höchstgerichtspräsidenten, die in einer Evaluierungskommission saßen und sich plötzlich für die besseren Kriminalisten hielten. Oder den verzweifelten Bruder eines Ermittlers, der sich das Leben nahm.
Wir Journalisten räumten den Herrschaften aufgrund ihres Ranges viele Seiten frei – anstatt ihre Vorwürfe und ihre Motive zu hinterfragen. Wir wurden zu Stenografen der Skandalisierer statt zu distanzierten Beobachtern.
Eine Evaluation unserer Arbeit im Fall Kampusch stände uns gut an.




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